Wenn wir „Wirklichkeit“ sagen, so meinen wir damit das, was ist
zum Unterschied von allem nur scheinbar oder überhaupt nicht
Existierenden.
Wirklichkeit hat darum zunächst einmal das Unbedingte und alles übrige Bedingende,
also Gott, wie immer man ihn sich sonst auch denken mag.
Wirklichkeit kommt von wirken, und wirken heißt schaffen.
Nichts kann somit wirklicher sein, als der Schöpfer.
Aber auch das von ihm Geschaffene, das Gewirkte und Bedingte ist wirklich;
denn Gott schafft keine Unwirklichkeiten. Aus Wirklichem geht immer wieder
Wirkliches hervor. Wirklich ist so vor allem das höchste der Geschöpfe,
das Ebenbild des Schöpfers, der Mensch, wenigstens solange er sich von
ihm, dem Unbedingten bedingt sein läßt, solange er seiner
Geschaffenheit nicht ausweicht. Tut er das, dann wird allerdings seine
Bedingtheit oder richtiger seine vermeintliche Unbedingtheit bzw. zu
einer bloß noch relativen Wirklichkeit, je nach dem Grad nämlich, in
dem er sich der Wirklichkeit Gottes entzieht. Freilich kann auch hier, nur
eben in einem ganz anderen Sinn, einfach von Wirklichkeit, von der
besonderen Wirklichkeit dieses besonderen Menschen gesprochen
werden; denn das vom Unbedingten Abgelöste hat die ihm
zukommende Wirklichkeit in der Unwirklichkeit, letzen Endes im Tod,
so daß geradezu gesagt werden kann: Der Tod ist die Wirklichkeit des
vom Schöpfer ganz und gar abgewandten Geschöpfes. Daraus folgt, daß
Wirklichkeit ein sehr vager und vieldeutiger Begriff bleibt. Vor allem hat
man sich den Unterschied zwischen jener Wirklichkeit des Lebens und
dieser Wirklichkeit des Todes gründlichst klarzumachen. Welche von
beiden meint man, wenn man „Wirklichkeit“ sagt? Das ist die
entscheidende Frage. Wer die Wirklichkeit des Lebens meint,
muß in der anderen die Unwirklichkeit schlechthin erkennen,
aber trotzdem ist gerade sie das, was der Mensch gemeinhin,
ohne sich darüber viele Gedanken zu machen, „die Wirklichkeit“ nennt.
Die Gottfremdheit hat von allem Anfang an einen anderen
„Lebensbegriff“ und dementsprechend auch einen anderen
Wirklichkeitsbegriff als die Ebenbildlichkeit. Dem Gottfremden gilt als
wirklich im höchsten Sinn nur, was ihm dazu verhilft, seine eigene
Selbstherrlichkeit zu verwirklichen. Zunächst sind wir geneigt, alle Dinge
und Erscheinungen, die sich unseren Sinnen zeigen, für wirklich zu
halten. Aber der auch nur einigermaßen kritische Geist traut diesem
bloßen Sinnenzeugnis nicht. Die letzte Instanz, an die er sich wendet, die
seiner Meinung nach allein befugt ist, über Wirklichkeit oder
Unwirklichkeit zu entscheiden, bleibt für ihn das kausale Denken, das als
unanzweifelbar wirklich nur gelten läßt, was sich als logisch notwendig
ausweisen kann. Die Wirklichkeit muß sich also vor dem Forum des
Intellektes rechtfertigen, und der Intellekt erkennt, das macht seine
Besonderheit aus, nicht etwa dem Unbedingten, das er gar nicht faßt,
sondern bloß dem unbedingt Bedingten das Prädikat des Wirklichen zu. Der
Intellekt urteilt nach der Kategorie der rationalen Kausalität, und somit
ist das rational Kausale für ihn auch das schlechthin Wirkliche. Selbst
dort, wo wir mit dem einen Sinn die Wahrnehmungen des anderen
nachprüfen, etwa mit den Augen das Ertastete oder umgekehrt mit dem
Tastsinn das Gesehene, ist nicht der prüfende Sinn, sondern das über die
Wahrnehmung aller Sinne reflektierende Denken die entscheidende
Instanz. Die einzelnen Sinne werden nur vorgeschickt, je nach Bedarf,
um vor dem richtenden Intellekt ihre Zeugenaussagen abzulegen.
Merkwürdigerweise steht aber dieser kausalen objektiven Wirklichkeit
noch eine andere gegenüber, die subjektive, die keines Nachweises bedarf,
sondern ihre Evidenz aus sich selbst hat. Niemandem fällt es ein,
umständlich zu prüfen, ob nicht vielleicht die Meinung, daß er existiert,
auf einem Irrtum beruht, und das, obgleich ihm gerade auf seine
Existenz alles ankommt, so sehr, daß er seine sämtlichen
Unternehmungen und Anstrengungen ausschließlich in den Dienst der
Selbsterhaltung und Selbstförderung stellt. Auch das Streben, die
Wirklichkeit des Objektiven nachzuweisen, erklärt sich offenbar nur aus
diesem einen zentralen Interesse.
Der autonome Geist will an der durchgängigen kausalen Bedingtheit des Äußeren seine eigene Unbedingtheit bestätigt finden.
Ich bin ganz wirklich, wenn es neben mir keine Wirklichkeiten gibt,
ich bin alles, wenn außer mir nichts ist.
Was das rationale Denken
als Wirklichkeit versteht, ist mithin genau besehen die absolute
Unwirklichkeit, aber allerdings als objektives Spiegelbild des allein
wirklichen Ich. Freilich läßt sich diese autonome Wirklichkeit im
Widerspruch auf die Dauer nicht behaupten; denn das Subjekt kann
nicht umhin, sich selbst gleichfalls als eingegliedert in die von ihm
entwirklichte objektive Welt zu erkennen und verfällt so am Ende der
Unwirklichkeit, die es seiner Wirklichkeit zuliebe gesetzt hat.
Aus Erwin Reisner „Der Daemon und sein Bild"