Ahnungslose Engel
I
Einer, der sich unter der Last des Lebens beugte -
das nicht Freude war, sondern Leiden rau und hart -
suchte seinen Weg auf dunklen und düsteren Pfaden
ohne einen Lichtstrahl aus Kopf oder Herz,
der ihm einen Moment der Freude bescherte,
bis die Linie, die Schmerz von Lust abgrenzt, Tod vom Leben,
und gut von böse, beinahe aus der Sicht verschwand,
sah in einer gesegneten Nacht einen schwachen,
doch wunderschönen Lichtstrahl auf ihn nieder scheinen.
Er wusste nicht, was oder woher, aber er nannte es Gott und betete zu ihm.
Hoffnung und gewaltige Kraft erfüllte ihn und das Leben bedeutete ihm mehr als er sich
jemals träumen liess und schloss sein ganzes Wissen ein,
nein, spähte über seine Welt hinaus.
Die Gescheiten zwinkerten und lächelten und nannten es "Aberglaube."
Er aber fühlte seine Kraft und seinen Frieden und antwortete sanft:
"O gesegneter Aberglaube!"
II
Einer, betrunken vom Wein aus Reichtum und Macht, gesegnet mit der Gesundheit,
beides zu geniessen, wirbelte voran auf seiner verrückten Bahn,
bis er dachte, die Erde sei für ihn gemacht, sein persönlicher Garten der Lust,
und der Mensch, der kriechende Wurm, diene nur seinem Pläsier,
bis die tausend Lichter der Wonne,
die gefüttert mit Vergnüglichkeiten Tag und Nacht vor seinen Augen tanzten,
in dauernd wechselnden Farben,
begannen, seine Sicht zu trüben und die Sinne zu verklumpen;
bis Eigensucht wie eine schwielige Wucherung sein ganzes Herz bedeckte
und Vergnügen ihm nichts anderes als Schmerz bedeutete,
beraubt aller Gefühle, und das Leben der Sinne, einst so vergnüglich und wertvoll,
eine verwesende Leiche zwischen seinen Armen war,
welche er wahrhaftig loswerden wollte;
doch je mehr er versuchte, desto stärker haftete es an ihm;
und er wünschte sich mit rasender Verzweiflung tausend Arten des Todes,
doch er verzagte vor der Verlockung.
Dann kam die Trauer - und Reichtum und Macht verschwanden -
und liess ihn seine Verwandtschaft finden mit allen Menschen in Seufzen und Tränen;
und obwohl seine Freunde lachten, sprachen seine Lippen voller Dankbarkeit:
"O gesegnetes Leid."
III
Einer geboren mit einem gesunden Körper
- aber ohne Willen, welcher Emotionen, tief und stark, widerstehen kann,
noch Impulse abweisen, beladen mit grosser Kraft, -
genau die Sorte Mensch, die als gut und freundlich gilt,
dachte, ihm könne nichts passieren,
während andere lang und vergeblich gegen die wogenden Wellen ankämpfen,
bis sein Geist, morbid geworden, wie Fliegen, die die Fäulnis suchen,
nur noch das Schlechte sehen konnte.
Dann lächelte ihm das Schicksal zu und er rutschte aus.
Dies öffnete ihm die Augen für immer und liess ihn entdecken,
dass Steine und Bäume niemals die Gesetze brechen,
aber Steine und Bäume bleiben;
dass nur der Mensch allein gesegnet ist mit der Kraft zu kämpfen
und das Schicksal zu besiegen,
indem er Grenzen und Gesetze übersteigt.
Seine Passivität fiel von ihm ab,
und das Leben erschien ihm weit und neu,
und weiter und neuer immerzu,
bis vor ihm ein Licht zu dämmern begann und Einblick kam in das,
wo Ewiger Friede weilt *
den man aber nur erlangen kann,
wenn man den Ozean des Kampfes durchwatet *
und ihm Mut gab.
Zurückblickend auf all das, was ihn Stümpfen und Steinen zugehörig gemacht,
und auf das, wofür ihn die Welt verstiess, seinen Fall, segnete er den Fall.
Und mit freudigem Herzen erklärte er:
"Gesegnete Sünde".
Swami Vivekananda (1862-1902)
(Schüler von Sri Ramakrishna)
--------
THE COMPLETE WORKS OF SWAMI VIVEKANANDA
http://www.ramakrishnavivekananda.info