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Alt 06.12.2008, 21:47   Sufismus - Briefe Beitrag #1 (permalink)
 
Registriert seit: 11.08.2007
Beiträge: 0
Standard Sufismus - Briefe

Der erste Brief

Teurer Freund -

Du bist jemand, den Gott, erhaben ist SEIN Wesen, geehrt und mit vielen göttlichen Wohltaten ausgezeichnet hat.......Sei dir bewusst, dass die folgenden Worte ein Satz aus dem erhabenen Koran sind:

"Gott leitet zu seinem Licht, wen ER will" (24:35)

Sie sind ein Quell göttlicher Weisheit. Und stell Dir vor, irgendwann schössen aus den Wolken der Weisheit die Blitze der göttlichen Gnade hervor: Was würde dann nicht alles geschehen? Darum bedenke den Koranvers:

"ER erwählt für SEINE Barmherzigkeit, wen ER will" (3:74)

Und wisse, dass durch die Göttliche Gnade, die in diesem Vers verborgen ist, auch Dich jederzeit der Hauch der Gottesvereinigung umwehen kann. Denke nach, meditiere darüber und versuche zu verstehen. Und jetzt wollen wir Dir erklären, was geschehen würde. Öffne die Ohren Deines Herzens und höre aufmerksam zu:
In solch einem Augenblick beginnt auf der Ebene des Herzens das Basilikumkraut der Vertrautheit zu duften. Und beim Wachsen beginnt dieses Basilikumkraut wie in einem Garten des Paradieses mit seinem Duft die Umgebung zu berauschen.
In diesem Garten erheben die Nachtigallen des Göttlichen Lichts ihre Stimmen und singen die Melodie:

"Oh meine Sehnsucht nach Josef" (12:84)

In der Welt der Geheimnisse beginnen die flammenden Strahlen der Sehnsucht und des Verlangens nach Gott zu funkeln und zu gleissen.
Und schliesslich erhalten die Vögel der Gedanken im Palaste der Göttlichen Herrlichkeit ihre Flügel und beginnen ihren Flug mit ganzer Kraft. Diesen Zustand nennt man den Zustand der Erkenntnis, es ist eine Welt voller grenzenloser Täler.
Selbst die Klügsten und hervorragendsten unter den Menschen, die ihren Weg gefunden haben, können ihn dort nicht fortsetzen. Sie werden verwirrt und kommen vom Wege ab. Denn dort treten dir furchtbarsten Zustände in Erscheinung. Plötzlich erblickst du folgendes: eine gewaltige Hand taucht auf, sie schwebt über Deinem Haupt und Dich durchzuckt der Gedanke: - Verharrt sie oder schlägt sie zu? - Dadurch wird Dein Wesen bis in die Grundfesten erschüttert. Dann siehst Du, eine andere Welt hat sich aufgetan, und hinter den Schleiern jener Welt erheben sich Stimmen und vereinigen sich zu einem gewaltigen Choral. Welches Ohr könnte dies ertragen? Wessen Herz bliebe unberührt, wenn es die Bedeutung der Gesänge erfasste? Frage Dich, wer ertrüge den erhabenen Sinn der Koranworte:

"Sie schätzen Gott nicht nach Seinem Wert" (6:91/92)

Was würdest Du tun, wenn die Göttlichen Worte - Dir fassbar geworden - Dich in der tiefsten Bedeutung anrührten? Würdest du nicht im gleichen Augenblick Deinen Geist aufgeben?
Dieses Meer der Bedeutung hat eine ungeheure Ausdehnung. Die Schiffe der göttlichen Herrlichkeit befahren es. Auf ihnen reisen, die auf dem Wege der Wahrheit sind. Für diese Schiffe sind weder die mächtigen Wellen noch andere Gefahren des Meeres bedrohlich. Hüte Dich, diese Schiffe mit den Reisenden auf dem Wege zu Gott für klein und unbedeutend zu halten. Gott, der Erhabene beschreibt sie in Seinem Buche, dem Koran folgendermassen:

"Und sie (die Arche Noah) fuhrt mit ihnen über Wogen gleich Bergen" (11:42)

Diese Worte, deren Sinn so erhaben ist, sind der Wind, der das Schiff der Reisenden antreibt: er bläht die Segel und treibt es voran. Bedenke, bedenke abermals, und noch einmal bedenke! Bedenke die tiefe Bedeutung, auf welche der folgende Koranvers hinweist:

"ER liebt sie und sie lieben IHN" (5:54)

Die Bedeutung ist ein weites Meer, und der Name ist: Meer der Liebe; das Meer der Gottesliebe und Vertrautheit.
Das Volk hisst auf dem Meere die Segel seiner Boote und es beginnt die Reise zum jenseitigen Ufer. Und wenn sich die Boote auch noch so sehr nach rechts oder links neigen, keine Furcht überkommt sie, ebenso können die höchsten und stärksten Wellen sie nicht von ihrer Reise abbringen. Berghohe Wellen richten sich drohend auf und wollen sie unter sich zermalmen, doch sie werden durch die Göttliche Gnade und Fürsorge beschützt.
Und obwohl sie wissen, wessen Gnade und Fürsorge sie geniessen, beginnt ein jeder von ihnen zu Gott, erhaben ist Sein Wesen, mit den Worten zu flehen:
"O mein Her, führe mich hin an einen gesegneten Ort, denn wahrlich, Du bist der vortrefflichste der Rechtleitenden."
Was kann mit diesem Ort gemeint sein? Doch nur der Ort der Gottesnähe.

(Fortsetzung folgt)
Gast1471 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.12.2008, 23:07   Sufismus - Briefe Beitrag #2 (permalink)
 
Registriert seit: 11.08.2007
Beiträge: 0
Standard Fortsetzung erster Brief

Wie immer, wie überall, zählen auch hier nur die Fähigkeiten eines jeden einzelnen. Sie bitten und flehen, doch ausser dem Inhalt des folgenden Verses haben sie nichts in den Händen:

"Solche Leute, über die wir eine vortreffliche Entscheidung gefällt haben"

Wer sucht die Seelen, die auf diesem Weg verloren gingen? Wer kann die Köpfe befragen, welche von ihrem Rumpf getrennt wurden? Nur wem die Rettung voraus bestimmt ist, der wird errettet werden. Denn alles liegt in der ewigen Vorherbestimmung. Möge das Meer der Liebe anschwellen, mögen die Wellen über den Reisenden zusammen brechen und sie unter sich begraben wollen; wenn Gott, erhaben ist Sein Wesen, ihre Errettung beschlossen hat, so wird Er sie in einem Augenblick wohlbehalten auf dem Berg Dschudi aufsetzen lassen. Endlich wird ihnen von Gott, erhaben ist Sein Wesen, durch Sein Erbarmen ein Zustand der Verzückung zuteil: Er ergreift sie und erhebt sie auf die als Sitz der Wahrhaftigkeit (Platz im Paradies) bezeichnete Stufe. Diese Stufe ist der ewigen Bestimmung entsprechend die Stufe, in der die Göttliche Gnade und Seine Wohltaten herabkommen. Doch es gibt nicht nur eine einzige Stufe, nein, ihrer gibt es viele. Um von einer Stufe zur anderen zu gelangen, muss man eine Reihe von Situationen passieren, die sich von Person zu Person unterscheiden. Aber darunter gibt es eine Station, die für alle gleichermassen unumgänglich ist; doch der Durchgang durch diese Station gilt als unbeschreiblich schwer. Es ist eine Station, an der jeder Reisende anlangt. Nun, über diese Stationen enthält folgender Koranvers Andeutungen:

"Bin ich nicht euer Herr?" (7:172)

Wer diese Stationen hinter sich hat, dessen Weg führt geradewegs zuer Welt der Gottesvereinigung. Es ist gewiss, dass die, welche bis hierher gelangen, von Gott, erhaben ist Sein Wesen, mit besonderen Fähigkeiten ausgezeichnet werden. Dies wissen am besten die Betroffenen selbst.
Haben sie diese Station überwunden, so werden sie berauscht von Heiterkeit und Freude, die sie überfällt; und sie verharren in glückseligem Erstaunen. Danach werden im folgenden Koranvers beschrieben:

"Denen, die Gutes tun, soll der beste Lohn zuteil werden und noch mehr." (10:26)

Wir können hier unter "bestem Lohn" alle Wohtaten und unter "noch mehr" die Vereinigung mit Gott verstehen. Jeder, der der Göttlichen Gegenwart teilhaftig werden möchte und mit der ganzen Kraft seines Herzens danach strebt, ist gezwungen, die erwähnten stürmischen Meere zu bezwingen. Doch das eigentliche Vehikel, dessen der Gottsucher bedarf, ist die brennende Liebe zu ihm. Wenn Du nach Gott mit solch einer Dein ganzes Wesen durchdringenden und erfüllenden Liebe strebst, so fürchte dich nicht.
...Jedes Meer, jeden Ozean wirst du bezwingen...Endlose Ozeane werden dir wie kleine Gräben scheinen und schier unüberwindliche Berge und Täler werden für Dich wie ein einziger Schritt auf dem Weg sein. Auf diesem Weg ist es eben diese brennende Liebe zu Gott, die den Wanderer voranschreiten lässt. Und diese Liebe wird für den Wanderer auf dem Wege der Wahrheit zu einem sein ganzes Wesen erfüllenden und verzehrenden Feuer. Mit jedem Atemzug entzündet dieses Feuer sein Inneres, immer wieder flammt es auf und bringt es zum Kochen. Wird man dem, der brennt, etwa das Wasser vorenthalten? Kommt der Arzt nicht zum Erkrankten?
Umsomehr bekommt ein brennendes Herz und ein in Gottesliebe Entflammter Hilfe. Und eilig wird ihm zur Linderung seiner Schmerzen und Qualen der Wein der Gottesliebe gebracht, denn nichts anderes könnte dieses Feuer löschen. Doer Pokal, in dem dieser Wein gereicht wird, heisst "Qurbiyyet" (Nähe) und er ist aus dem Glase "Wisal" (Vereinigung) gefertigt. Der Pokal der Gottesnähe und das Glas der Vereinigung - welch wunderbare und erhabene Dinge!
In dem Augenblick, da sie von diesem Wein trinken, werden sie von Mundschenken gleich den Huris des Paradieses umgeben und diese giessen in ihre Seelen den Wein der Gottesliebe. Doch niemand der Gottestrunkenen beachtet die Mundschenken, sie ergötzen sich am Wein, sie trinken ihn, ohne dass ihr Durst danach jemals gestillt werden kann. Wie sollte ihr Verlangen auch gestillt werden, heisst es doch im erhabenen Koran:

"Und ihr Herr labt sie mit einem reinen Trank" (76:21)

Welch ein Getränk, bei dessen Genuss man der Vereinigung mit Gott teilhaftig wird!
Der eigentliche Mundschenk jedoch ist Gott, erhaben ist Sein Wesen, Sein Ruhm ist ewiglich und gewaltig. Und die Reisenden haben erreicht, was es zu erreichen gilt, haben gefunden, was es zu finden gibt. Ich weiss nicht, was darüber hinaus noch erstrebenswert wäre. Dies ist die letzte Station auf dem langen beschwerlichen Weg, den Er den Menschen gehen lässt.
Wenn sie dort die Vereinigung mit Gott gefunden haben, so erlangen sie den ewigen Besitz und das ewige Reich. Und hier in diesem Koranvers wird von der Welt, in die sie eingezogen sind, berichtet:

"Und wenn du dort in irgendeine Richtung schaust, so wirst du Glückseligkeit und ein grosses Reich erblicken." (76:20)

Wie wunderbar, dieses irdische Sein zu verlieren, denn der Lohn dafür ist die Vereinigung mit Ihm. Möge Gott, erhaben ist Sein Wesen, uns allen die Kraft geben, uns von unserem irdisch verhafteten Sein zu befreien, und möge Er uns die Vereinigung mit Ihm gewähren.

Amin...
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