Es gibt ja neuerdings Leute, die tatsächlich glauben, dass die „Matrix“ zweifellos so, wie im Film dargestellt, existiert.
Aber sind diese Leute wirklich so neu?
Ich glaube eher, das sind die bibeltreuen Christen der Gegenwart. Sie nehmen jedes Wort wörtlich, und jedes Bild als real an.
Wir leben in einer simulierten Wirklichkeit, schallt der Tenor in diesen Matrix-Foren, und das Gefühl beschleicht einen, die Neos sind ausgebrochen.
Also wenn ich in einer simulierten Wirklichkeit leben müsste, dann würde ich ja schnell mal den Stecker ziehen. Nein, sowas ginge gar nicht. Wo kämen wir denn da hin?
Wahrscheinlich gäbe es dann so Leute, die einfach machen was sie wollen und Leute, die sich für Regeln entscheiden, und Leute, die darauf achten, dass diese Regeln eingehalten werden, und Leute, die versuchen, die ganze Simulation zu beenden.
Das wäre eine seltsame Welt.
Glücklicherweise gibt es so eine Welt gar nicht in echt.
In meiner Welt ist alles genau so, wie es ist. Da wird nichts simuliert. Und selbst, wenn da mal einer simuliert, dann sage ich z.B.: „Mensch Peter! Du simulierst doch!“
Oder ich sage: „Das glaubst du doch nicht wirklich, Erna!“
Und wenn alle Stricke reißen, dann sage ich auch: „Leb wohl!“
Nein. Ein Baum ist wirklich ein Baum. Wer soll denn einen Baum schon simulieren wollen?
Ich erinnere mich gerade an ein Ereignis in meiner Kindheit. Wir waren eine große Clique. Und es gab viel Natur und spannende Abenteuer zu erleben. Und dann kam plötzlich der Commodore 64 auf den Markt.
Ich wollte wie üblich meinen Freund zum Spielen abholen, und der saß doch tatsächlich vor diesem Ding mit Bildschirm und spielte ein Abenteuerspiel. Er war von diesem Kasten einfach nicht mehr wegzubewegen. Darin wurden auch Bäume simuliert, aber die sahen total ******* aus.
Eine tiefe Traurigkeit überkam mich damals, weil ich irgendwo verstand, dass er die Bäume, auf die wir immer geklettert waren und von oben durch lange Pusterohre mit Kirschkernen, die wir zuvor gesammelt hatten, auf unsimulierte Ziele schossen, wohl gar nicht so toll empfand.
Dieses langweilige Ding schien ihm mehr zu bedeuten. Und weil mir unsere Freundschaft viel bedeutete, ließ ich mir auch einen Commodere 64 schenken.
Ich versuchte dann immer mehr zu verstehen, was denn so toll daran ist:
Es ist die Kontrolle. Wenn die Wirklichkeit simuliert wird, dann kann ich die Kontrolle haben. Und sehr schnell kamen dann auch die „Cheats“ für alle Computerspiele raus.
Wenn die Wirklichkeit aber nicht simuliert wird, dann gibt es auch keine Kontrolle. Und davor hatte mein Freund große Angst. Aber genau das war es, was mir Freude bereitete.
Anfangs war es noch ganz spannend die Welten zu entdecken, die die Programmierer da entwickelt hatten. Aber immer deutlicher zeigte sich, dass all diesen simulierten Welten etwas Entscheidendes fehlte:
Spontanität und Lebendigkeit.
Ich war es, der diesen simulierten Wirklichkeiten diese Zutaten zukommen lassen musste. Und dafür musste ich die unsimulierte Wirklichkeit Schritt für Schritt vergessen.
Hinzu kam, dass ich mich der kreativen Qualität und Grenzen des Programms unterzuordnen hatte. Und die war einfach grundsätzlich beschränkt. Auch das musste ich vergessen, um Spaß zu haben.
Je mehr ich mich auf diese simulierten Wirklichkeiten einließ, desto deutlicher verblassten die Farben und die Eindruckstiefe der unsimulierten Wirklichkeit.
Mit meinen so innig geliebten unsimulierten Bäumen geschah etwas Furchtbares. Sie erstaunten mich nicht mehr. Es waren nur noch Bäume. Ein Baum glich dem anderen. Ihre Einzigartigkeit verschwand zunehmend. Und je merklicher ihre Schönheit wich, desto mehr zog es mich an den Computer, desto ernsthafter bemühte ich mich um Kontrolle.
Ja….so war das damals.
Glücklicherweise hat jeder Spuk ein Ende. In meiner Welt wird nichts simuliert. Und den Computer benutze ich hauptsächlich zum musizieren und quatschen.
Hier noch ein schönes Zitat:
„When I´m Online, I feel diconnected.”