Es ist schon eigenartig, über gewisse Dinge kann ich reden und diskutieren und bin dabei trotzdem relativ Gleichgültig darüber ob mein Gegenüber mir nun vehement widerspricht oder nicht. Andrerseits gibt es Dinge, bei denen ich ziemlich rechthaberisch sein kann und auch bin, da es für mich ziemlich eindeutig ist und jeder, der nicht sieht, wie eindeutig das ist und auch noch mit Standartantworten kommt, geht mir sofort gegen den Strich, was sich auch mit einem starken energetischen zornartigen Ausbruch zeigt, der ich dann im Brustbereich fühle.
Auch die "Diskussion" mit nanntu hat mir heute mal wieder gezeigt, dass ich keinesfalls gegen sowas gewappnet bin, was mich aber wirklich interessiert hat (zumindest nachdem ich mir mal ein wenig Zeit genommen hatte darüber zu reflektieren), war, wieso es sein kann, dass ich bei gewissen Themen so stark reagiere, bei anderen aber fast überhaupt nicht. Es ist ja irgendwie schon eigenartig, wenn ein Zeugen Jehowas vor der Tür steht und einem seine ganze Bibelgeschichte auftischt werde ich kein wenig wütend, da ich es eher zum schmunzeln finde. Kommt aber irgendsoein Globalwarmingtyp daher und will mir seine ganze CO2 Theorie auftischen, regt sich sofort etwas in mir, eine Art Wut trifft es wahrscheinlich am besten, ein inneres Feuer, das sich regt und hochkommt.
Doch wie kann das sein, und vor allem, worauf bin ich denn nun so wütend?
Ich glaube es liegt vor allem daran, dass bie einem Widerspruch quasi impliziert wird, ich wüsste nicht wovon ich rede, oder hätte mich falsch informiert oder einfach gesagt, dass das, was ich glaube Wahr zu sein und zu Wissen schlichtweg falsch ist. Doch was ist in diesem Sinne mit "Wissen" gemeint?
Es ist ja eindeutig nicht die selbe Art Wissen, wie z.B. dass ich mir sicher bin, dass wenn ich meine Tasse in der Luft loslasse weiss, dass sie zu Boden fallen wird, sofern nicht irgendwas dazwischen kommt, denn solches Wissen ist etwas, was mir tagtäglich begegnet und über das ich mich auch nicht auf eine Diskussion einlassen würde (es sei den, es wäre ein ziemlich abgefahrene Philosophische Diskussion), ich würde höchstens ein wenig schmunzeln oder es wäre mir schlichtweg zu dumm über sowas eindeutiges zu diskutieren.
Doch wie stehts z.B. mit Dingen, die man aus den Nachrichten kennt, oder über die man Bücher gelesen hat? Hier siehts schon wieder sehr anders aus, denn obwohl man alles davon nicht selbst überprüft hat, glaubt man entweder daran, weil es einem logisch Sinn macht und/oder weil man es einfach Glauben will, da man im vornherein schon davon mehr oder weniger überzeugt war und man dieses "Wissen" einfach vertiefen wollte. Man baut sich also sein eigenes Kartenhaus aus Logik und Berichten zusammen, die man selbst eigentlich nicht direkt überprüfen kann, die aber z.B. angesichts der Weltlage trotzdem passen würden, was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum man letztendlich davon überzeugt ist.
Je weniger einseitig man in dieser Beziehung orientiert ist, desto sicherer wird man in seinem "Wissen". Je allumfassender man sich informiert, sprich, man schaut sich die eine Seite, die andere Seite, die politische Seite, die Wissenschafltiche, die Geschichtliche und auch sonst noch ziemlich alle Seiten, die einen dabei helfen ein besseres Gesamtbild zu bekommen, an, desto unumstösslicher wird dabei das eigene Weltbild, da man ja nachher auch behaupten kann, sich wirklich allumfassend informiert zu haben.
Man hat also im Endeffekt eine gesammte Welt in seinem Kopf, ohne, dass man auch nur etwas davon wirklich selbst erlebt hat, eine imaginäre Welt, von der man glaubt, sie sei so real wie alles andere, was einem tagtäglich begegnet. Wird nun eben diese Welt von jemand anderem in Frage gestellt und bombadiert werden eigentlich mehr oder weniger direkt oder indirekt auch die eigene Intelligenz und die Leute bombadiert, von denen man eben dieses Wissen übernommen hat.
Dass das nun zu einer Gefühlsmässigen Reaktion führt hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass man diesen Leuten vertraut hat und immer noch tut, sich einzugestehen, dass, das, was man bislang glaubte falsch sei käme gleich mit dem Eingestehen, dass man von denen, denen man vertraut hat, belogen oder desinformiert wurde, was wahrscheinlich etwa damit zu vergleichen wäre, wie wenn ein Kind von anderen Kindern auf einmal erfährt, dass es den Nikolaus nicht gibt, und, dass man von seinem eigenen Vater schlichtweg ver*****t wurde, dem Mann, dem man auf der ganzen Welt am meisten vertraut hat und zu dem man immer hochgeschaut hat. Man fühlt sich verraten und verkauft und auch hilflos, was wahrscheinlich auch der Grund des Zorns ist (sofern man keine Emotionale Bindung zu der betreffenden Person hat, sonst wäre man wahrscheinlich eher traurig statt zornig..denke ich mal).
Da man aber schon so viel Energie in dieses Wissen gesteckt hat will man sich wahrscheinlich wenig gern mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass das nicht stimmen könnte, daher werde ich wahrscheinlich schlichtweg wütend auf den, der mich mit seinen Worten angreift. Was eigenartigerweise sogar noch schlimmer ist, je weniger der andere sich informiert hat und man die Standartargumente, die er hervorbringt schon selbst alle gehört und untersucht hat, sprich man kennt genau den Standpunkt des anderen, weiss genau, wo der Fehler liegt und vielleicht sogar, wie es überhaupt dazu kam, dass der andere zu so einer Überzeugung gelangt ist, aber trotz guter Argumente, bleibt der andere stur, oder höhrt gar nicht erst zu, da er es ja ohnehin "besser weiss".
Ich glaube, der Grund, warum mich das noch wütender macht ist, dass es mir dann so vorkommen muss, als greife er mich grundlos an, wie in der Schule, wenn gewisse Kinder, andere einfach fertigmachen, nur weil's ihnen grad so gefällt oder "cool" erscheint und obwohl man selbst nichts getan hat, oder zumindest nichts, was man selbst als "falsch" betrachten würde.
Ich glaube der Grund meines Zorns ist auch die mehr oder weniger unbewusste Unsicherheit, die man bei solchen Dingen immer mit sich trägt (was für natürlich für beide zutrifft, aber man immer nur an sich selbst sehen kann, niemals beim anderen, man kann es höchstens vermuten, aber es entzieht sich der direkten Beobachtung, da man nicht in den anderen hineinsehen kann). Es ist genau diese Unsicherheit, die solche Diskussionen immer zu Tage fördert und die man sich selbst nicht eingestehen will/kann, schon gar nicht, wenn man es nicht für sich selbst entdeckt, sondern wenn der Angriff von Aussen kommt.
Die Unsicherheit rührt ja letztendlich daher, dass das ganze Wissenskonstrukt nach und nach aufgebaut wurde, aber man es selbst nicht direkt überprüfen kann und auch niemals überprüfen können wird, jedenfalls nicht in seiner Gesamtheit. d.H. man GLAUBT einfach daran, was dazu führt, dass man gleichzeitig die Angst erzeugt, dass es NICHT so ist, wie man glaubt und je mehr man sich dieses Wissen aufbaut und aneignet desto mehr steigt auch diese Angst.
Ich glaube, dass ist auch der Grund, warum ich letztendlich wütend werde, ich will einfach nicht, dass es anders sein könnte als, so wie ich glaube, die Unsicherheit darf auf keinen Fall zu Tage gefördert werden, ich darf einfach nicht damit konfrontiert werden, da es sonst passieren könnte, dass ich mir eingestehen müsste, dass sich mein ganzes Weltbild auf einem Scheiterhaufen verbrennen würde, was in anderen Worten bedeuten würde, dass ein Teil von mir verbrennen würde, ein Teil von MEINEM Wissen, MEINEN Ideen, MEINEN Wahrheiten, was letzendlich nichts anderes bedeutet als dass ein Teil von meiner IDENTITÄT verschwinden würde, was letztendlich genau das ist, was man am meisten fürchtet und man auf jeden Fall vermeiden will, da man sonst nicht mehr in der Form existieren könnte, wie bisher der Fall war.
Die immerwährende Angst der Nicht-Identität, die Angst, dass da überhaupt kein Selbst da ist, was man selbst ist oder sein könnte, die Kern Angst, die überhaupt erst dazu führt, sich an die Identität zu klammern, da man ohne sie nicht mehr der wäre, der man glaubt zu sein, da man ohne sie überhaupt niemand mehr wäre. Der Zorn, der an der Oberfläche erscheint spiegelt letzten Endes also nur die Angst die man im Inneren trägt, die allesbeherrschende Angst, dass da kein Ich ist, keine wirkliche Identität.
(wow, ich glaube, ich habe noch nie so einen langen Beitrag verfasst...phuu...)