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10.02.2007, 12:13
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #1 (permalink)
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Guest
Registriert seit: 30.12.2006
Beiträge: 0
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Rabindranath Tagore »Gitanjali«
1
DU MACHTEST mich endlos - so ist dein Belieben. Dies schwache Gefäß leertest du wieder und wieder und fülltest es immer mit neuem Leben.
Du trugst diese kleine Rohrflöte über die Hügel und Täler und hauchtest durch sie ewig neue Melodien.
Bei dem unsterblichen Druck deiner Hände verliert mein kleines Herz seine Grenze in Freude und gebiert unaussprechliche Worte.
Deine unendlichen Gaben empfange ich nur auf diesen meinen sehr kleinen Händen. Zeitalter vergehn, und immer gießest du aus, und immer ist Raum, um erfüllt zu werden.
Alle 103 Stropen:HIER
Wer mag, kann seine Lieblingsstrophe hier in diesem Thread posten.
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11.02.2007, 09:48
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #2 (permalink)
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Guest
Registriert seit: 04.12.2006
Beiträge: 0
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VOLL verzweifelter Hoffnung geh ich umher und suche nach ihr in allen Winkeln des Hauses, ich finde sie nicht.
Mein Haus ist klein, und was einmal ging, kann sich nie wiederfinden. Aber unendlich groß ist dein Haus, o Herr, und sie suchend kam ich an deine Tür.
Ich stehe unter dem goldenen Dach deines Abendhimmels und hebe die flehenden Augen zu deinem Antlitz.
Ich kam zum Rande der Ewigkeit, in der nichts schwindet — nicht Hoffnung, nicht Glück und nicht das Bild eines Angesichtes durch Tränen geschaut.
O, tauch mein entleertes Leben in jenen Ozean, versenk es in seine tiefste Fülle. Laß mich noch einmal fühlen im weiten Weltall die süße verlorne Berührung.
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11.02.2007, 21:59
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #3 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 06.05.2006
Beiträge: 630
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[ 60 ] AM SEESTRAND endloser Welten treffen sich Kinder. Der unbegrenzte Himmel hängt reglos zu Häupten, das rastlose Wasser ist ungestüm. Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder mit Rufen und Tanzen.
Sie baun ihre Häuser aus Sand und spielen mit leeren Muscheln. Aus welken Blättern flechten sie Boote und lassen sie lächelnd ziehen auf der endlosen Tiefe. Kinder haben ihr Spiel am Seestrand der Welten.
Sie wissen nicht, wie man schwimmt, sie wissen nicht, wie man Netze wirft. Perlfischer tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in Schiffen, wenn Kinder Steine sammeln und Steine zerstreun. Sie suchen nicht nach verborgenen Schätzen, sie wissen nicht, wie man Netze wirft.
Die See braust auf in Gelächter, schwach schimmert das Lächeln der Küste. Todtragende Wogen erzählen den Kindern sinnlose Lieder, gleich einer Mutter, wenn sie die Wiege des Kinds wiegt. Die See spielt mit Kindern, schwach schimmert das Lächeln der Küste.
Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder. Der Sturm rast in pfadlosem Himmel und Schiffe scheitern auf spurlosem Wasser, der Tod ist draußen und Kinder spielen. Am Seestrand endloser Welten ist der große Spielplatz der Kinder.
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11.02.2007, 21:59
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #4 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 06.05.2006
Beiträge: 630
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[ 7 ] MEIN LIED hat seines Schmuckes sich entäußert, es ist nicht stolz auf Kleid und Zier. Der Schmuck könnt unsre Einigkeit zerstören, er würde zwischen dich und mich sich stellen; dein Flüstern könnt ertrinken in dem Klingklang.
Mein Dichterhochmut stirbt in Scham vor deinem Anblick, o Meisterdichter, ich saß dir zu Füßen. Laß mich mein Leben grad und einfach machen, gleich einer Flöte, die du füllst mit Tönen.
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11.02.2007, 22:00
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #5 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 06.05.2006
Beiträge: 630
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[ 84 ] ES IST das Weh der Trennung, das durch die Welt sich verbreitet, Gestalten unzählbar gebiert im unendlichen Himmel.
Es ist dieser Schmerz der Trennung, der nächtlich im Schweigen starret von Stern zu Stern und Gesang wird unter dem raschelnden Laub des regnichten, dunkelen Juli.
Es ist dies überfließende Weh, das sich in Liebe vertieft und Begehren, in Leiden und Freuden der Menschenwohnung, dies ist es, das immer schmilzt und fließet im Lied durch mein Dichterherz
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12.02.2007, 08:41
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #6 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 08.12.2006
Beiträge: 2.822
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TOD, DEIN Diener ist an meiner Tür. Er hat die unbekannte See gekreuzt und deine Botschaft in mein Haus gebracht.
Die Nacht ist dunkel, mein Herz ist furchtsam, und doch will ich die Lampe nehmen, mein Tor ihm öffnen, und ihm Willkommen bieten. Dein Bote ist es, der vor meiner Türe steht.
Ich will ihn ehren mit gekreuzten Händen, ihn ehren mit Tränen. Ich will ihn ehren und ihm den Schatz meines Herzens zu Füßen legen.
Er wird fortgehn, wenn er den Auftrag gesagt und wird auf meinem Morgen einen dunkelen Schatten lassen, in meinem verlassenen Heim bleibt nur mein verlorenes Selbst, meine letzte Gabe für dich.
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19.02.2007, 17:12
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #7 (permalink)
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Guest
Registriert seit: 30.12.2006
Beiträge: 0
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[9]
NARR, der du suchst, dich auf eignen Schultern zu tragen; o Bettler, der du kommst, an eignen Türen zu betteln!
Leg deine Lasten in seine Hände, der alles trägt, und schaue nicht zurück in Bedauern.
Deine Begierde löschet sogleich das Licht der Lampe, die sie mit ihrem Atem berührt. Unheilig ist sie — nimm nicht deine Gaben aus ihren unreinen Händen. Nimm nur, was heilige Liebe dir bietet.
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19.02.2007, 17:27
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Rabindranath Tagore »Gitanjali« Beitrag #8 (permalink)
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Guest
Registriert seit: 13.06.2004
Beiträge: 0
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[35]
WO DER Geist ohne Furcht ist, das Haupt man hoch trägt, Wo Erkenntnis frei ist,
Wo die Welt nicht zum Bruchstück von engen, häuslichen Mauern wird,
Wo Worte aus Tiefen der Wahrheit kommen,
Wo unermüdet das Streben den Arm zur Vollkommenheit ausstreckt,
Wo der klare Strom der Vernunft seinen Weg nicht verliert in dem trockenen Sand der Gewohnheit,
Wo der Geist, von dir geleitet, zu immer sich weitendem Denken und Handeln geführt wird —
Zu diesem Himmel der Freiheit, laß, Vater, mein Land du erwachen!
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