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Ich bin nie ein Mensch gewesen und doch war ich viele... und was ich zu sagen habe, lohnt keine Worte und dennoch werden sie gesprochen...
diese Fragmente einer Geschichte handeln von einer Reise, die ich nie gemacht habe... es sind Bruchstücke alter Erinnerungen aus denen der Zahn der Zeit das Leben längst heraus gesaugt hat... zusammenhanglose Gedanken, die wie alte Spinnweben in den nun fast leeren Kammern meines Geistes gelegentlich von unbekannten Strömungen aufgeschreckt werden...
Wie aus den Resten alten Sperrmülls, die noch verstreut in den Ecken liegen und an den kahlen Wänden lehnen, stelle ich nun diese letzte Komposition zusammen und sie wird den nichtigen Titel tragen: mein Leben...
Leben... ? was bedeutet das... ? Alles und Nichts...! denn kannst du wünschen oder verhindern dass du lebst... ? Kannst du wählen, wann, wo und wie du lebst... ? Das denkst du nur, denn genau wie ein Strom glaubt, er bestimmt seinen Lauf, folgt er doch nur seinen Ufern einem ihm unbekannten Ziel entgegen... er weiß nicht wer ihn gebar und wer er sein wird, wenn ihn die Meere verschlucken...
Auf meinem Weg einem unbekannten Ziel entgegen sind mir Heilige und Dämonen, Helden und Verlorene, Lebende und Tote begegnet... und oft musste ich feststellen, dass die Toten lebendiger waren als die Lebenden...
Ich will auch berichten von der Insel der dunklen Priester, die heute noch wie eine nachtschwarze Totenglocke in der Luft schwebt und auf der ich beinahe das Leben verloren hätte, welches ich nie besaß...
Diese Reise ins Reich der Unwirklichkeit von der ich hier erzähle, führte mich durch Länder, die keine waren, sondern seltsame Truggebilde, ähnlich einer Fata Morgana, die über dem sonnendurchglühten Sand der Wüste den durstigen Wanderer in die Irre lockt...
Durch zu Stein gewordene Illusionen bin ich gewandert, ebenso durch die düsteren Hallen der Religionen, in denen in löchrigen Öfen rationaler Logik das nasse Holz unliebsamer Emotionen verbrannt wird...
Auch Holz, das mit den Jahren dürr geworden ist, wird hier verbrannt...
vom Fluss der Lebensjahre glatt geschliffen, ist es durch das jahrelange Liegen auf den Sandbänken des Lebens hart und knorrig geworden... und brennt jetzt auch nicht besser als jenes modrige Holz weggeworfener Gefühle...
Aber ich schweife ab nach der Art alter Männer, darum will ich mich sammeln...
Es gab auch Hoffnung... in den dunkelsten Labyrinthen einer untergegangen Kultur, fand ich bei deren Nachkommen Freundschaft und eine Verbundenheit des Geistes und des Herzens, wie mir nie zuvor jemand gewährt hatte...
außer jenem EINEN vielleicht, dem dunklen Wanderer, Ahasveros, dem ewigen Juden, der meinen Weg immer wieder in den unterschiedlichsten Verkleidungen und Namen kreuzte...
oder geht er vor mir her... ?
An den sandigen Ufern diverser Meere fand ich seine Fußspuren einmal vor und einmal hinter mir, manchmal kam er von Osten, ein anderes mal von Westen...
Ich weiß es wirklich nicht und habe aufgehört darauf zu achten, so wie man seine Füße vergisst die einen tragen, bis man über spitze Kiesel läuft...
In jenen gespenstischen Höhlen, tief im Bauch der Erde Mexikos, die sogar noch die mit purem Gold überzogenen Skelette der Riesen bewahrt, welche in der Morgendämmerung der Menschheit über die Welt wanderten, erhielt ich einen neuen Namen...
Nachtreiher...
Denn die geisterhaften Hüter jener dunklen Geheimnisse wünschten, mich in ihre Zaubertechniken einzuweihen, die mich wahrlich in Erstaunen versetzen...
Ich lernte mich unsichtbar zu machen und mitten unter den Menschen umher zu streifen ohne gesehen zu werden...
auch lernte ich durch die Nacht zu fliegen wie ein Vogel, und wie man seine Feinde mit Hilfe von unscheinbaren Maiskörnern tötet, die dunklen Göttern geweiht sind...
Sie haben mich auch in die schwarze Welt gesandt, an deren Himmel 3 trübe Sonnen stehen die nie untergehen, aber auch nicht wärmen... und die so unendlich leer ist, dass keine Seele, wenn sie denn zurückfindet, je wieder froh wird...
Lange lief ich dort über schwarzen kalten Sand und suchte Zuflucht vor den Bestien die nachts ausschwärmen um zu jagen... dann flüchtete ich mich in die verfallenen Türme einer fremdartigen Zivilisation und ohne Hilfe meiner Verbündeten wäre ich auf ewig dort gestrandet... als ich schließlich den Weg zurückfand war mein Haar grau, obwohl ich immer noch in der Blüte meiner Jahre stand...
Später habe ich einen Sukkubus beschworen, der mich weitere 3 Jahre meines Lebens kostete und allerhand dienstbare, niedere Kreatur, deren getrocknete Kadaver ich teilweise immer noch aufbewahre... aus Nostalgie...? Anhänglichkeit...? oder gedenke ich sie irgend wann einmal wieder zum Leben zu erwecken...? wer weiß...
Der Nachtreiher ist ein Geistervogel der chinesischen Mythologie und ich habe bis heute nicht verstanden, warum ich diesen erhabenen Namen tragen darf... geschweige denn warum er mir ausgerechnet in jenen abseitigen, fledermausverseuchten Katakomben tief unter den gottverlassenen Einöden Mexikos verliehen wurde...
Aber sobald ich das Aufkommen kalter Winde in den Knochen spüre, die jetzt schon heulend um die Ecken meiner dürftigen Behausung streichen und an den Läden rütteln... gewiss mit der Absicht an meinem Fleisch zu zerren wie hungrige Ghule... dann wird es meine letzte Aufgabe sein auch dieses Rätsel zu ergründen...
Und so beginnt meine Geschichte...
...wie alle Geschichten beginnt sie als ich jung war... wie ein Strom strebte ich damals kraftvoll und unaufhaltsam einem mir unbekannten Ziel entgegen...
bewunderte die lieblichen Landschaften an meinen Ufern, die frischen Wiesen und bewaldete Hänge der Berge in der Ferne...
ich erfreute mich daran, mit anderen fröhlichen und neugierigen Menschen die Gunst heißer und unbeschwerter Sommertage zu genießen... fühlte das Brennen der Sonne auf meiner Haut und liebte den Geruch von Heu und Gräsern im linden Sommerwind...
bis tief in die laue Nacht saßen wir an kleinen Feuern, aneinander geschmiegt, und erzählten uns hoffnungsvolle Geschichten von Reichtum und Abenteuern...
noch heute sehe ich das erwartungsvolle Funkeln in den Augen der jungen Gesichter, auf die der Widerschein der Flammen bereits zuckende Schatten warf...
und im Herbst und Winter, wenn die rauen Winde begannen das Haar zu zausen und Väterchen Frost uns freundlich aber unnachgiebig in die Wangen kniff, fanden wir stets Trost in unseren Hoffnungen und der Wärme unserer lebenshungrigen Körper...
So ging es ein Weile...
Doch nach und nach, auch wenn die Jahre damals noch langsam verstrichen, erfasste nagende Unruhe meinen Geist...
selbst über dem schönsten Sommertag lag der Hauch einer seltsamen Trostlosigkeit, die auch die Zärtlichkeiten meiner Gefährtin nicht immer vertreiben konnten...
Und eines noch warmen Tages, die Blätter an den Bäumen färbten sich bereits, änderte sich alles...
ich war an jenem Tag lange auf dem Feld gewesen, die Kraft meiner Arme ließ langsam nach und in der reinen Luft lag bereits ein Hauch von Abendkühle...
der Gedanke an meine Gefährtin und ein warmes Mahl beschleunigte meinen Schritt und schließlich lief ich in heiterer Stimmung um die Ecke des ersten Hauses unseres kleinen Dorfes in dem ich damals lebte...
Abrupt wurde ich gestoppt, prallte auf etwas Massiges, Dunkles... im Fallen sah ich lederne, abgewetzte Stiefel unter dem Saum des dunklen Mantel... ein anderer Mensch... ? wer war er... ?
Verdutzt sah ich hoch und erblickte ein Gesicht das mir fremd war und mich erschreckte... das linke Auge war weiß wie ein bleicher Kiesel und das andere funkelte mich nachtschwarz zornig an... jedoch die unheimliche Gestalt sprach kein Wort, starrte mich nur an...
rasch kam ich wieder auf die Beine und stammelte eine Entschuldigung hervor... dann hastete ich weiter ohne mich noch einmal umzusehen...
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das Schicksal, welches es nicht gibt, beschlossen hatte, den bisher ruhigen Lauf meines Lebens zu ändern...
Geändert von Manko (06.02.2010 um 16:28 Uhr)
08.02.2010, 11:39
Nachtreiher... eine Geschichte Beitrag #2 (permalink)
Als sich mit dumpfem Schlag die Tür hinter mir schloss und ich meine Gefährtin mit einer Umarmung begrüßt hatte, war ich erleichtert dem stechenden Blick, den ich noch eine ganze Weile in meinem Rücken gespürt hatte, entkommen zu sein...
Allerdings schmeckte mir das einfache aber vorzügliche Mahl nicht so, wie es mein Hunger erwartet hatte... immer wieder erschien das furchtbare blinde Auge in meinem Geist und starrte mich mit der kalten Gleichgültigkeit eines Reptils an... mit der Art Gewissheit, mit der ein Reptil seine Beute betrachtet, von der es weiß, dass sie ihm nicht entrinnen kann...
Meine Gefährtin spürte meine Unruhe und legte besänftigend ihre Hand auf meinen Arm... sie erzählte mir, dass der Dorfvorsteher einen Zauberer hatte kommen lassen, da seine Tochter an einem heftigen Fieber erkrankt war und er herausfinden wolle, ob vielleicht Hexerei im Spiel sei...
Ich wurde blass und als ihr klarer Blick fragend in mich drang, konnte ich nicht weiter schweigen... hastig berichtete ich ihr von meinem Missgeschick und ich sah wie auch sie erbleichte, denn der Zusammenstoß mit einem Zauberer galt als schlechtes Omen...
Wir gingen früh zu Bett, doch als ich mich rastlos umherwarf, nahm sie mich in die Arme und wir liebten uns mit der Leidenschaft derer, die wissen, dass es für ihr Glück keine Zukunft gibt...
Selbst im Traum suchte mich das bleiche Auge heim, während das andere, das dunkle Auge, in meinem Innern zu einem tiefen Schacht wurde, der schließlich meinen verstörten Geist in seinen traumlosen Strudel zog...
Am nächsten Morgen wurden wir durch heftiges Pochen geweckt noch bevor die Sonne aufging... sofort kam mir alles wieder in den Sinn und von dunklen Ahnungen getrieben, tappte ich schlaftrunken zur Tür und schob den schweren Riegel zurück... es war der Büttel der mir befahl sofort zum Haus des Vorstehers zu kommen... und bevor ich ihn fragen konnte worum es ging, hatte er bereits auf dem Absatz kehrt gemacht und war in der Dunkelheit verschwunden...
Ich schlüpfte eilig in meine Kleidung und meine Gefährtin reichte mir mit sorgenvollem Blick noch rasch ein feuchtes Tuch, damit ich Gesicht und Hände reinigen konnte... dann stürmte ich hinaus in den heraufdämmernden Tag...
Im Haus des Vorstehers wurde ich sogleich vorgelassen und folgendes wurde mir mit ernster Mine eröffnet: Dem Heiler sei es tatsächlich gelungen das Fieber zu bannen und nun bestehe er darauf, zusätzlich zu seiner reichlichen Entlohnung, mich als seinen Schüler mitzunehmen...
denn er sei alt und suche schon seit längerem nach einem geeigneten Nachfolger, der das Wissen um die geheimen Künste weiter durch die Jahrhunderte tragen sollte... ein günstiges Zeichen habe ihn auf mich verwiesen und die Rettung der Tochter erfordere Leben gegen Leben...
So dachte er und ich weiß nicht, ob ihm bewusst war, dass auch er nur ein Werkzeug des einen Großen Geistes war, welcher die Geschicke aller Lebewesen in der Hand hält...
Natürlich hatte der Vorsteher diesem obskuren Ansinnen sofort zugestimmt, ohne mich gefragt zu haben... in jener Zeit war niemand sein eigener Herr, besonders dann nicht, wenn er wie ich ein Waise war... meine Eltern wurden von marodierenden Soldaten hingemordet, als ich noch ein Knabe war...
Ich muss gestehen, so leid es mir auch tat das Dorf und vor allem meine zärtliche Gefährtin zu verlassen, schien es mir doch sehr verlockend ein mächtiger Zauberer zu werden und vielleicht den sinnlosen Tod meiner Eltern rächen zu können...
Jahrelang hatte mich der Hass auf die fremden Landsknechte fest im Griff, die roh meine Mutter geschändet, und meinen Vater, als er ihr zu Hilfe kommen wollte, erschlagen hatten wie einen räudigen Hund... nicht lange danach folgte sie ihm aus lauter Gram ins Reich der Schatten...
Obwohl ich trotz meines schweren Geschicks eigentlich ein heiteres, unbeschwertes Gemüt mein Eigen nannte, war der Gedanke an Rache die Triebkraft, die mich in die finsteren Abgründe der Zauberei hineinstieß... ja, ich war sogar bereit, dafür auch mein ewiges Seelenheil hinzugeben...
denn wir wussten aus den sonntäglichen Predigten, dass der HERR bei seinem Strafgericht den Zauberern und Götzendienern nicht vergeben würde...
auf ewig mussten sie die brennenden Qualen der Hölle erdulden...
aber das war mir einerlei, wenn ich nur Vergeltung üben konnte, und sei es mit dem Teufel als Verbündeten...
So dachte ich an jenem dämmrigen Morgen, als ich mit einem kleinen Bündel auf dem Rücken und einigem Proviant am Gürtel hinter dem finsteren Magister durch das taufeuchte Gras stapfte... meine Gefährtin hatte mir noch eine Locke ihres goldgelben Haares zugesteckt, die ich in einem kleinen Lederbeutel über meinem Herzen verwahrte...
Auch hatte der Dorfvorsteher mir noch rasch ein Schweigegelübde abgenommen, denn niemand sollte von dem Handel erfahren... er war bereits ein hohes Risiko eingegangen, als er diesen heidnischen Heiler ins Dorf geholt hatte... denn der lange Arm der kirchlichen Macht machte mit jedem der die Hilfe eines Zauberheilers in Anspruch nahm kurzen Prozess...
diese Diener Gottes, welche die Liebe des Heilands von der Kanzel verkündigten, waren allzu gern bereit, Menschen im Namen eben jener Liebe der grausamsten Folter und einem elenden Feuertod zu überantworten...
Aber das bekümmerte mich im Moment nicht... mein Hals war immer noch feucht von den Tränen und Küssen meiner Geliebten und ihr trauriges Schicksal dauert mich sogar noch heute wo ich diese Zeilen schreibe...
obwohl ich inzwischen weiß, dass in Wahrheit dieses bizarre Welttheater unsere unsterblichen Seelen nie befleckt hat und nie beflecken wird...
Einige Zeit nach meiner Abreise nämlich, begannen die Männer des Dorfes um sie zu werben, da sie von hübscher, anmutiger Gestalt war... sie jedoch verweigerte sich allen Freiern, in der verzweifelten Hoffnung ich würde eines Tages doch noch zu ihr zurückkehren...
An einem frostigen Herbsttag fand ein Jüngling aus dem Dorf sie schließlich auf dem kahlen Feld... ihr weizenfarbenes langes Haar hatte sich rot gefärbt und aus einem Loch in ihrem Schädel war der kostbare Lebenssaft im reifbedeckten Boden versickert...
Ich erfuhr das alles jedoch erst, als ich ein paar Jahre später wieder in diese Gegend kam, denn mein Magister und ich machten weite Reisen... auch durften wir uns nie zu lange an einem Ort aufhalten...
so war ich voller Vorfreude als ich hörte, dass man in jenem Dorf
unsere Hilfe erneut benötigte und gerne hätte ich den Boten, der heimlich zu uns schlich befragt... aber er war bereits fort, als ich vom Sammeln heilkräftiger Pflanzen aus dem Wald zurückkehrte...
mein Meister aber hatte mich dann ganz allein mit dem Auftrag betraut und mich dabei recht seltsam angesehen... den Grund dafür sollte ich bald erfahren...
Nachdem ich die Heilzeremonie erfolgreich hinter mich gebracht hatte, führte man mich zu jenem jungen Burschen, der ihren leblosen Körper entdeckt hatte und gewaltsam drang ich in seinen vor Angst schlotternden Geist ein, nachdem ich ihn gezwungen hatte einen speziellen Trank zu trinken...
Dann sah ich durch seine Augen wie ihr kurzes Leben zu Ende gegangen war... sah, wie er sie von weitem auf dem Feld liegen sah, eine kleine Unregelmäßigkeit nur, die sich vor der Eintönigkeit abhob...
wie er sich neugierig näherte, vor ihr niederkniete als er erkannte was da vor ihm lag und sie nach kurzem Zögern von Mitleid überwältigt, in die Arme nahm...
Der Strom des Blutes war längst getrocknet, doch ihr Geist war immer noch in ihr, weigerte sich die zerbrochene Hülle zu verlassen... als ich die Kraft meines Sehens auf dieses Rätsel richtete, schlug sie die Augen auf und unser Blick traf sich über die Zeit hinweg...
da erkannte ich erschrocken den Grund, warum sie sich so verzweifelt an das Leben klammerte...
Tief gerührt sah ich nun, dass sie in all den Jahren die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit mir wahrhaftig nie aufgegeben hatte und selbst im Erlöschen ihrer Lebenskraft noch daran festhielt...
ja, sich mit dieser Hoffnung sogar selbst dem Tod verweigerte...
Durch die Augen jenes flaumbärtigen Jünglings sah ich dann, wie ein letztes Aufflackern von Freude über ihre bleichen Wangen huschte und für einen kurzen Moment die Todesschatten verbannte, die bereits deutlich ihren sonst so sanften Blick umflorten... die trügerische, aber felsenfeste Hoffnung und ihr getrübter Blick ließen sie tatsächlich glauben, ich sei es selbst, der sie weinend im Arm hielt... und ich sei endlich zu ihr zurück gekommen...
mit letzter Kraft versuchte ihr Mund Worte zu formen und ich war dem Jüngling dankbar, dass er sogleich seinen Kopf senkte, damit er sie verstehen konnte...
-Marcel...- so hieß ich damals... -du bist da... halt mich... mir ist so kalt...-
Ich war so erschüttert, dass ich fast die Kontrolle über den Geist des Jünglings verloren hätte... und ich war ihm abermals dankbar als ich sah, wie er seine Wange an ihre blutleeren kalten Lippen hielt und ihr stellvertretend für mich, der ich im Augenblick ihres Abschieds nicht da war, seinen Trost spendete... seine Tränen tropften in ihr Haar, denn obwohl sie ihm eigentlich nichts bedeutete, war er doch tief ergriffen von dem Geschehen...
Noch einmal hauchte sie, schon leiser werdend die selben Worte in sein Ohr... -Halt mich... mir ist so kalt...- und in einem langen Ausatmen entspannte sich ihr Leib und ließ endlich den Geist ziehen...
Mit steinernem Gesicht gab ich dem Jüngling ein Silberstück, nachdem ich ihn aus der Trance geholt hatte... er sah mich nur verwirrt an, dann verlangte ich das Grab zu sehen...
dort, auf jenem kahlen Totenacker am Rand es Dorfes ritzte ich den
Namen –Apfelzimt- in das schlichte Holzkreuz über ihren gewöhnlichen Namen, der bereits verblasste...
denn ich hatte sie stets nur mit diesem Kosewort gerufen...
und immer wenn mir in jenem Leben wieder der Geruch von Zimt und Äpfeln in die Nase stieg, musste ich an sie denken...
Geändert von Manko (08.02.2010 um 12:24 Uhr)
08.02.2010, 11:40
Nachtreiher... eine Geschichte Beitrag #3 (permalink)
Nie wieder ging mir der Tod eines Menschen so nahe, und selbst viel später, als ich lernte, dass der Tod ebenfalls nur ein Trugbild des Geistes ist, achtete ich fortan das Leben des Leibes als kostbar, obwohl noch viele von meiner Hand starben die es verdienten...
Wie auch an jenem Tag... von eiskalter Wut erfasst, suchte ich nach dem Täter und es dauerte nicht lange, bis ich den Schuldigen ermittelt hatte... die Furcht vor den dunklen Künsten war sehr groß zu dieser Zeit und meine finsteren Drohungen lösten rasch die Zungen dieser abergläubischen, unbedarften Menschen..
Als der Schuldige erkannte, dass er verraten worden war, ergriff er die Flucht... aber mein Körper war gestählt durch das Leben in der Wildnis und wie ein Spürhund folgte ich ihm über die Felder und holte ihn rasch ein... er war kräftig, aber ich überwältigte ihn mit der zusätzlichen Kraft meines Zorns und band ihn so, dass die Stricke tief in sein Fleisch einschnitten... dann flößte ich ihm ebenfalls jenen Trank ein, der seinen Geist meinem sehenden Auge öffnete...
Ich sah ihn mit Apfelzimt zusammen des Weges gehen und dann sah ich sie plötzlich vor ihm davonlaufen... offensichtlich hatte er ihr seine wahren Absichten offenbart... sie lief quer über das Feld und versuchte in den angrenzenden Wald zu entkommen... er jedoch holte sie ein und stieß sie zu Boden... sie wehrte sich wie eine Wildkatze, kratzte und biss und als er merkte, dass er sie so nicht überwältigen konnte, schlug er ihr einen großen Feldstein an den Kopf...
Ich konnte in seinem Geist erkennen, dass er sie nur betäuben wollte, um sich an ihr vergehen zu können... aber sein Schlag war zu kräftig gewesen und hatte ihren Schädel geöffnet... als er das helle sprudelnde Blut sah welches dampfend auf die Erde rann, bekam er es mit der Angst und rannte davon...
Ich zerrte ihn hinter mir her in den Wald nachdem ich ihm die Zunge herausgeschnitten hatte, da ich sein Bitten und Betteln nicht hören wollte... mein Herz war hart geworden und finster wie die tiefe Schlucht, in der ich ihn mit bloßen Händen sein Grab ausheben ließ...
dann tötete ich ihn ebenfalls mit einem Stein... immer wieder schlug ich auf ihn ein, selbst als sein Geist längst entflohen war...
Damals wusste ich auch noch nicht, dass Rache ebenso bedeutungslos ist, wie der Tod einer Unschuldigen... das wahre Leben konnte nicht zerstört werden und über die Gesamtheit der Jahrhunderte die der Geist des Menschen durch die Geschichte streift, halten sich Gut und Böse stets die Waage...
und erst in einem weiteren Leben auf den eisigen Hochebenen des Daches der Welt, in der Obhut der Bön-Priester, lernte ich, dass nicht einmal Gut und Böse wirklich existieren, dass selbst Teufel und Götter nur die Verkleidungen jenes einen Großen Geistes sind, der unsere Wahrheit ist...
Damals jedoch reckte ich, nicht mehr ganz bei mir vor Schmerz der sich nun unaufhaltsam Bahn brach, meine blutigen Fäuste in den grauen Himmelsstreifen über mir und schrie wie von Sinnen:
-Apfelzimt, es tut mir leid... hörst du mich mein Augenstern...? ich habe dich gerächt... oh Apfelzimt, es tut mir so leid... vergib mir...-
Dies stieß ich immer wieder hervor, sobald das Echo meiner sinnlosen Schreie im Dämmerlicht der Schlucht verhallt war...
Aber nur der Wind antwortete mir raunend in den Baumwipfeln dunkler Tannen und teilnahmslos starrten die grauen Felsen, die sich die Schlucht empor reckten, auf die Stätte meiner Seelenqual herab...
Bittere Tränen des Selbstmitleids schossen immer wieder in meine brennenden Augen und irgendwann brach ich heiser und schluchzend über dem Steinhaufen zusammen, unter dem der zerschmetterte Leichnam lag...
Erst zwei Wochen später hatte ich mich soweit gefangen, dass ich an die Rückkehr zu meinem Meister denken konnte...
aber vorher noch übergab ich ihr goldenes Haar dem Wind, der mir als Einziger geantwortet hatte...
Dann machte ich mich mit leerem Herzen auf den Weg, vorwärts in eine ungewisse Zukunft...