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23.01.2007, 11:01
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #1 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 08.12.2006
Beiträge: 2.822
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märchen & mythen - die skelettfrau
meine lieblingsgeschichte aus dem buch die "wolfsfrau"
die skelettfrau .... diese erzählung hat mir geholfen, tiefer in meine natur einzutauchen, mich in meinem mensch-sein zu begreifen.
gestern habe ich etwas grundlegendes verloren. ich dachte immer, mir fehlt etwas. ich dachte immer, ich könnte niemals "erwachen"...solange mir das fehlt, ich müsste "vorher"...die fäden zusammenkriegen. aber das stimmt nicht. es KANN nicht zusammenkommen, was niemals getrennt war. und welche spiele auch gespielt werden - das wesentliche bleibt unberührt. still und klar. egal wie laut es ist.
meine liebe zu geschichten und dem mensch-sein, meine leidenschaft dafür mag sich wie ein diametraler gegensatz anfühlen, anhören. das ist wie mit krankheit und heilung. wenn dir der arzt und die medizin erscheint, nimmst du sie eben. auch wenn das, was du bist, nicht krank ist, nicht gesund ist, nicht geheilt werden kann.
die skelettfrau bietet keine lösung, auch wenn sich manches danach anhört.
sie zeigt archetypische muster auf. erkenne ich sie, kann ich sie wirklich sehen, entsteht eine entspannung und damit löst sich die anhaftung an diesem muster. es gibt keine PERSÖNLICHE geschichte. es gibt nur eine einzige in unterschiedlichen farben. und selbst die gibt es nicht. -
die skelettfrau und der liebesfischer leben in mir. ob ich ein mann oder eine frau bin, ist vollkommen egal.
hier die geschichte :
jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches gesetz das arme mädchen verstossen hatte. die leute wussten nur noch, dass ihr vater sie zur strafe von einem felsenvorsprung ins eismeer hinabgestossen hatte. so lag sie für eine lange zeit am meeresboden. die fische nagten ihr fleisch bis auf die knochen ab und frassen ihre kohlrabenschwarzen augen. blicklos und fleischlos schwebte sie unter eisschollen, und ihr gerippe wurde von der strömung um - und um- und umgedreht. die fischer und jäger der gegend hielten sich fern von der bucht, denn es hiess, dass der geist der skelettfrau dort umginge. doch eines tages kam ein junger fischer aus einer fernen gegend hergezogen, der nichts davon wusste. er ruderte sein kajak in die bucht, warf seine angel aus und wartete.
er ahnte ja nicht, dass der haken seiner angel sich sogleich in den rippen des skeletts verfing ! schon fühlte er den zug des gewichts und dachte voll freude bei sich : oh welch ein glück ! jetzt habe ich einen riesenfisch an der angel, von dem ich mich für lange zeit ernähren kann. nun muss ich nicht mehr auf die jagd gehen.
das skelett bäumte sich wie wild unter wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte, und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen angelleine des ahnungslosen fischers. das boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten meer, fast wäre der fischer über bord gegangen, aber er zog mit aller kraft an seiner angel, er zog und liess nicht los und hievte das skelett aus dem meer empor.
Iiiii, aiiii, schrie der mann, und sein herz rutschte ihm in die hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner leine hing. Aiii und igitt, schrie er beim anblick der klappernden, mit muscheln und allerlei getier bewachsenen skelettgestalt. er versetzte dem scheusal einen hieb mit dem paddel und ruderte, so schnell er konnte, an das meeresufer.
aber das skelett hing weiterhin an seiner angelleine, und da der fischer seine kostbare angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das skelett, wohin er auch rannte. über das eis und den schnee, über erhebungen und durch vertiefungen folgte ihm die skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden totengebein. weg mit dir ! schrie der fischer und rannte in seiner angst geradewegs über frische fische, die jemand dort zum trocknen in die sonne gelegt hatte. die skelettfrau packte ein paar, während sie hinter dem mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den mund, denn sie hatte lange keine menschenspeisen mehr zu sich genommen.
und dann war der fischer bei seinem iglu angekommen. in windeseile kroch er in sein schneehaus hinein und sank auf das nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend vorm schrecken erholte und den göttern dankte, dass er dem verderben noch einmal entronnen war.
im iglu herrschte vollkommene finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der fischer empfand, als er seine öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer ecke der hütte, einen völlig durcheinander geratenen knochenhaufen liegen sah. ein knie der skelettfrau steckte in den rippen ihres brustkorbs, das andere bein war um ihre schultern verdreht, und so lag sie da, in seine angelleine verstrickt. was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte stelle zu rücken, wusste der fischer selbst nicht. vielleicht lag es an der einsamkeit seiner langen nächte, und vielleicht war es auch nur das warme licht seiner öllampe, in dem der totenkopf nicht mehr ganz so grässlich aussah - aber der fischer empfand plötzlich mitgefühl mit dem gerippe.
na, na, na, murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe nacht damit, alle knochen der skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schliesslich sogar in warme felle zu kleiden, damit sie nicht fror. danach schlief der gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle träne über seine wange. dies aber sah die skelettfrau und kroch heimlich an seine seite. brachte ihren mund an seine wange und trank die eine träne, die für sie wie ein strom war, dessen wasser den durst eines ganzen lebens löscht.
sie trank und trank, bis ihr durst gestillt war, und dann ergriff sie das herz des mannes, das ebenmässig und ruhig in seiner brust klopfte. sie ergriff das herz, trommelte mit ihren kalten knochenhänden darauf und sang ein lied dazu. oh fleisch, fleisch, fleisch, sang die skelettfrau. oh haut, haut, haut. und je länger sie sang, desto mehr fleisch und haut legte sich auf ihre knochen. sie sang für alles, was ihr körper brauchte, für einen dichten ha*****opf, und kohlschwarze augen, eine gute nase und feine ohren, für breite hüften, starke hände, viele fettpolster überall und warme, grosse brüste.
und als sie damit fertig war, sang sie die kleider des mannes von seinem leib und kroch zu ihm unter die decke. sie gab ihm die mächtige trommel seines herzens zurück und schmiegte sich an ihn, haut an lebendige haut. so erwachten die beiden, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.
die leute sagen, dass die beiden von diesem tag an nie mangel leiden mussten, weil sie von den freunden der frau im wasser, den geschöpfen des meeres, ernährt und beschützt wurden. so sagt man bei uns, und viele unserer leute glauben es noch heute.
(...)
wenn uns die immense einsamkeit der leben/tod/leben-natur aufgeht, wenn wir zum ersten mal begreifen, dass sie ohne eigenes verschulden von allen menschen zurückgestossen, permanent von einer klippe gestürzt,oder von liebesfischern über bord geworfen wird...dann rührt uns ihre verquere lage vielleicht ebenfalls tief genug an, dass wir ein stück näher heranrücken, ihr gebein vielleicht sogar eigenhändig berühren.
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23.01.2007, 11:06
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #2 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 23.11.2006
Beiträge: 2.033
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Ich hab das Buch auch zuhause und es ist einfach nur wundervoll, ist schon so lange her, ich glaub das werd ich demnächst mal wieder vorholen.
Wunderschöne, tiefe Geschichte, danke niranjana..........
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23.01.2007, 13:43
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #3 (permalink)
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Gesperrt
Registriert seit: 27.07.2003
Ort: Berlin
Beiträge: 10.109
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Hallo Niranjana,
ich hab das buch vor jahren auch gelesen und diese geschichte hat mich auch berührt!
Pa
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23.01.2007, 14:02
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #4 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 02.11.2006
Beiträge: 2.663
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Ich habe das Buch auch gelesen....
Wie oft hats mich umgehauen, da ich mich verdammt oft in dem Buch wiedergefunden habe...
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23.01.2007, 14:03
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #5 (permalink)
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Guest
Registriert seit: 04.12.2006
Beiträge: 0
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In der Weite des Alls ist der Mensch des Menschen Trost.
Gruß nanntu
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28.01.2007, 21:48
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #6 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 08.12.2006
Beiträge: 2.822
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schamanismus & märchen
auszüge aus dem buch "schamanismus & märchen"...die mir sehr gutgetan haben und weil ichs einfach schön find :
"es kommt der tag, an dem wir erkennen, dass wir nicht unsere vergangenheit sind. sie ist zwar da, sie wird nicht verdrängt oder glorifiziert, doch wir sind daraus erwacht wie aus einem traum - sie gehört uns nicht, wir haben uns von ihr gelöst. oder besser gesagt, sie ist untrennbarer teil des universums, des raums, des bewusstseins, wie auch wir es sind. untrennbar und in keiner weise isoliert. dadurch wird die vergangenheit unpersönlich, oder um es positiv zu formulieren - ichfrei.
dies ist der schamanische tod, dies ist das erwachen der suchenden im märchen, die im wald ausgesetzt wurde und erschöpft und bitterlich weinend unter einem baum zusammenbricht. sie hat sich gelöst von ihrem ich UND GEHT IM GESCHEHEN AUF. warum soll eine figur gründe für eine reise angeben, ängste vor dem drachen empfinden, sich sorgen um die zukunft machen, wenn diese figur der HANDLUNGSABLAUF... SELBST... ist? deshalb sind die figuren keine ausgestalteten einzelschicksale, keine individuen, sondern...handlung, geschehen.
es ist wie das grosse bild, das von anfang an da ist. stellen sie sich einen dunklen, unvorstellbar grossen raum vor, in dem ein riesiges gemälde hängt. wir betreten diesen raum mit einer taschenlampe. das ganze gemälde ist vor uns, doch mit unserer taschenlampe können wir nur immer einen kleinen ausschnitt betrachten. (nanntu, das war das beste bild, das ich je zu all diesen gedanken gefunden habe...ich finde es schön) : der irrtum ist, den ausschnitt oder einige ausschnitte zusammen für das ganze zu halten. genauso wie das gemälde ist auch unser geist, das universum unermesslich. der zweite irrtum ist, die zeit die wir brauchen (!!! ah wie geil !!) um mit unserer taschenlampe das bild zu betrachten, für den wandel der welt zu halten.
medizinrad und märchen sind das tor (beschreibungen...) zu einem "raum", in dem alles jederzeit vorhanden ist. das internet ist eine ganz einfache skizze dieses raums. es ist in einem gewissen sinne statisch - denn alles ist ja jederzeit vorhanden. jede phase des wandels ist immer vollständig vorhanden. es gibt keine wandlung keine zeit kein werden und vergehen....nur die all-präsenz.
>>> die illusion eines wandels entsteht, wenn ich als von dieser all-präsenz scheinbar getrenntes subjekt die all-präsenz nicht als solche wahrnehmen kann, sondern (AHHHHH) den fokus von einem ausschnitt zum nächsten verlagere.
"die reise des helden" .... und dann kommt der prinz
(...) der prinz, der prinz ist, weil er sich ausserhalb linearer zeit und linearem raum bewegen kann, durchschreitet die struktur ( den 100jährigen schlaf dornröschens und ihres hofstaates...'tschuldigung, aber das beispiel is einfach perfekt..grins) durchschreitet also die struktur und kann sie nach belieben ändern. es ist, als würde man in einen computer eindringend und am betriebssystem eine änderung vornehmen. (das ist, was ein "schamane" tut)
der prinz nimmt in der grundstruktur, der matrix eine änderung vor. er küsst dornröschen, er "drückt" auf den knopf...sozusagen und tritt dann aus dem zeitfreien raum wieder in das raum-zeit-kontinuum ein. für alle, die nie aus diesem kontinuum herausgetreten waren, ist in den hundert jahren, die dornröschen schlief, keine sekunde vergangen. der küchenjunge bekommt seine ohrfeige "hundert jahre später"...mit keinem sekundenbruchteil verspätung.
die veränderung der matrix...entspricht dem wesen der "heilung" im schamanismus, oder jeder form von geistiger, energetischer heilung.
um in diesen raum eintreten zu können, muss der schamane die illusion eines von diesem raum getrennten ichs aufgeben, er muss "sterben" so "tritt" er denn auch nicht in diesen raum ein. er IST dieser raum. oder, noch klarer formuliert : er erkennt, dass er dieser raum ist, war und sein wird. er ist der unendliche kreis.
er schamane ist so unsterblich, wie es die märchenfiguren sind. sie sind unsterblich, weil sie nicht getrennt sind vom rest des märchens weder prinz noch prinzessin, das schlafende königreich, noch der rest der welt...sind NICHT märchen. genauso wenig ist der schamane und jeder mensch - nicht RAUM. wir alle sind und alles ist raum. alles ist bewusstsein.
und natürlich - nimmt der schamane auch keine änderung vor....sondern sein eintreten, das keines ist, "bewirkt" die veränderung.
(das war ein "ding-dong" - satz für mich  )
denn zum schluss ist etwas bemerkenswert : der prinz, der den "raum"...(hinter der dornenhecke..) betritt, war nicht der erste, der es versucht hatte. es gelang ihm nur deshalb, weil er zum richtigen zeitpunkt am richtigen ort war und geschehen liess, was geschehen sollte, ohne dass er wusste, was es sei. denn er betrat diesen raum NICHT.... UM dornröschen zu küssen, sondern er tat, was angemessen war. er betrat den raum, war berührt von dornröschens schönheit und küsste sie. er küsste sie, weil ein kuss angemessen war, nicht um dornröschen zu wecken.
es gibt keine gründe, es gibt keine absichten...nur geschehen.
(martin schmid, in dem buch : schamanismus & märchen, kapitel : medizinrad und märchen)
ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass "wahrheit" tatsächlich auf nichts und nichts und wieder nichts begrenzt ist.
weiter im text :
(...)
ende gut...
"wir durchschreiten mit dem medizinrad einen raum, von dem wir nicht getrennt sind. (medizinrad = märchen = mythen = religionen = ...)
es gibt verdichtungen, veränderungen, die wir als phasen wahrnehmen, als übergangsphase, phase des wachstums, phase der integration usw.
aber in tat und wahrheit sind wir immer das ganze. wir sind nicht nur im osten, süden, westen oder norden, wir gehen nicht entweder die reise des geistes oder die der seele, wir sind alles und immer.
wir entwickeln uns nicht, wir beleuchten lediglich die einzelheiten des grossen gemäldes genau, betrachten sie eingehender, erkennen dadurch uns selbst, unsere mitmenschen, das universum. wir sind das universum, das sich selbst betrachtet.
auch das märchen durchschreitet....sich s e l b s t . es geschieht mit einer eindringlichen unausweichlichkeit, weil es schon zu beginn sagt, dass alles immer und überall ist. (das märchen betrachtet als parabel der "wahrheit) wie immer es auch verlaufen und ausgehen mag, es ist gut so. so wie die märchenfiguren nicht getrennt sind von der handlung, so sind wir nicht getrennt von der "handlung welt". alles ist, wie es ist.
was ist, wenn wir nicht individuen sind , sondern geschehen ? nicht einzelwesen, sondern allumfassender raum ? nicht primär verlorene, suchende, ausgestossene, begnadete...sondern AUSDRUCK ? nicht isolierte, psychische wesen, sondern entfaltung ? nicht reisende, nicht weg, sondern SO-SEIN ?
dann leben wir, wenn wir noch nicht gestorben sind, glücklich und zufrieden bis ans ende der tage...einfach aus diesem grund, weil die suche ein ende hat. (martin schmid)
das spiel ist tot...es lebe das spiel !
Geändert von Niranjana (28.01.2007 um 22:01 Uhr)
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09.05.2008, 13:30
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #7 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 08.12.2006
Beiträge: 2.822
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die roten schuhe I
es war einmal...
ein armes waisenkind, das in lumpen und barfuss durch die welt ging, weil es noch nicht einmal ein paar schuhe besass. mit der zeit jedoch sammelte sie sich ein paar rote fetzen und nähte sich daraus, so gut sie konnte, ein paar schuhe.
die roten schuhe gefielen dem mädchen ausnehmend gut, obwohl sie sehr grob geschustert waren. ja, sie kam sich sogar irgendwie reich vor, wenn sie in ihren roten schuhen bis spät in die nacht hinein zum beerensammeln in den dornwald ging.
eines tages wanderte das mädchen die strasse entlang, als eine goldene kutsche anhielt. in der kutsche sass eine alte frau, die dem mädchen versprach, es wie ihre eigene tochter zu behandeln, wenn es mit ihr nach hause kommen würde. gesagt getan. im haus der reichen alten dame wurde das mädchen gebadet und gekämmt, in reinweisse unterwäsche gekleidet und mit einem kleid aus guter wolle beschenkt. als das mädchen nach seinen heissgeliebten roten schuhen fragte, erklärte die reiche frau, dass die schuhe so schmutzig und lächerlich gewesen seien, dass sie nicht anders gekonnt hätte als sie im kamin zu verbrennen.
das mädchen war sehr, sehr traurig, als es das hörte, denn die roten schuhe, die es mit eigenen händen gemacht hatte, wraen ihm trotz all dem reichtum ringsher noch immer das liebste auf der ganzen welt gewesen. jetzt musste es den ganzen tag stillsitzen oder gemessen spazieren gehen, ohne zu hüpfen, und nur dann zu sprechen, wenn es etwas gefragt wurde.
so wuchs ein heimliches feuer im herzen des mädchens heran, und seine sehnsucht nach den alten roten schuhen wurde nicht geringer sondern grösser. immer grösser.
es kam die zeit, da war das mädchen alt genug für ihre konfirmation. und die alte frau brachte das mädchen zu dem alten, verkrüppelten schuhmacher der stadt, denn für dieses fest brauchte sie ein paar neue schuhe. auf einem regal hinter dem tresen stand bereits ein fertiges paar in der richtigen grösse. es war aus feinstem, leuchtendroten leder, viel zu rot für die kirche, aber das herz des mädchens begann zu hüpfen. die alte dame war farbenblind und konnte ohnehin nicht mehr viel sehen, also bezahlte sie die schuhe. der schuhmacher zwinkerte dem mädchen zu und wickelte die schuhe in unauffälliges packpapier.
am nächsten tag ging das mädchen in seinen neuen schuhen zur kirche, um sich konfirmieren zu lassen. die orgel spielte, der chor sang, der priester predigte, aber die ganze gemeinde starrte nur auf die rotglänzenden, feurig leuchtenden schuhe an den frechen kleinen füssen. selbst die heiligenbilder an den wänden und die statuen schienen mit unheilvoll dräuenden blicken auf das schuhwerk des kindes zu starren. aber dem mädchen gefielen sie deshalb um so besser. während alle beteten, drehte sie ihre füsse hin und her und dachte, dass es kaum etwas schöneres auf der welt geben konnte als diese roten schuhe.
am selben abend hatte die alte frau von allen seiten zu hören bekommen, was die gemeinde über die roten schuhe ihres schützlings dachte. "dass du mir die schändlichen schuhe nie wieder anziehst!" schimpfte die alte frau. aber, am nächsten sonntag konnte sich das mädchen nicht helfen, als es vor der wahl stand zwischen den roten und den schwarzen schuhen, wieder zog es die roten schuhe an und ging mit der farbenblinden greisin zur kirche.
am kircheingang stand ein soldat mit einem arm in der schlinge. er trug eine kurze jacke und hatte einen roten bart. der soldat machte einen artigen bückling und bat um die erlaubnis, den staub von den schuhen des mädchens wischen zu dürfen. das mädchen streckte einen fuss vor, und er klopfte auf die sohle ihres linken schuhs, dann die sohle ihres rechten schuhs, so dass es ihre füsse mächtig kitzelte. "behalte sie an bis der tanz beginnt" raunte er und zwinkerte dem mädchen lustig zu.
wieder zogen die roten schuhe die entrüstung der ganzen gemeinde auf sich, aber das mädchen war so verliebt in das leuchtende granatapfelrot, dass sie es kaum bemerkte und auch kaum etwas von der predigt hörte. beim verlassen der kirche rief der soldat mit dem kranken arm hinter ihr her : "oh was für hübsche tanzschuhe du an den füssen hast" bei diesen worten drehte das mädchen unversehens eine kleine pirouette und danach konnten ihre füsse nicht mehr aufhören zu tanzen. sie tanzten an den portalen der kirche vorbei, und mitten durch das blumenbeet. sie hüpften und steppten und walzten mit ihr über den friedhof, die felder und wiesen davon.
der kutscher der alten dame sprang von seinem sitz und rannte hinter der tanzenden her. er hob sie auf und trug sie zu der kutsche zurück, aber die füsse des mädchens in ihren roten schuhen tanzten immer weiter in der luft. der kutscher zog an den schuhen und die empörte alte dame zerrte, während das mädchen wie eine besessene strampelte und so gelang es ihnen endlich, die füsse des kindes zu beruhigen. zu hause angekommen, stellte die alte frau die roten schuhe auf ein hohes hutfach im schrank und verbot dem mädchen die schuhe noch ein einziges mal anzurühren. aber das mädchen blickte immer wieder verlangend zu ihnen auf und sehnte sich danach, sie über ihre füsse zu streifen, waren sie doch noch immer das schönste und liebste was sie hatte.
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09.05.2008, 13:43
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märchen & mythen - die skelettfrau Beitrag #8 (permalink)
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Senior Member
Registriert seit: 08.12.2006
Beiträge: 2.822
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Ii
schon bald darauf wurde die alte dame bettlägerig und einmal, als alle ärzte das haus verlassen hatten, trug das mädchen einen hocker zum schrank, kletterte darauf und griff die roten schuhe. es konnte der versuchung nicht widerstehen, sie überzustreifen. "was kann es schaden", dachte die waise bei sich. aber kaum, dass sie die schuhe an den füssen hatte, konnten sie plötzlich nicht mehr aufhören zu tanzen. zur tür hinaus und die treppen hinunter tanzten die schuhe mit ihr, in einem herrlich schwindelerregenden wirbel. das mädchen war berrauscht und dachte sich erst nicht viel dabei. nur, als sie schon auf der dorfstrasse war und sich nach links wenden wollte, die schuhe aber mit ihr nach rechts tanzten, wurden sie ihr unheimlich. sie wollte umkehren, aber die schuhe tanzten geradeaus davon, über den schlammigen feldweg fort und in den dunklen wald hinein.
dort wirbelte sie an dem soldaten mit seinem roten bart, seiner kurzen jacke und seinem arm in der schlinge vorbei. er stand gegen einen baumstamm gelehnt und sagte : "ja, schau nur, was die schönen schuhe alles treiben" angstvoll versuchte das mädchen, sich die schuhe abzustreifen, aber beide schuhe mussten die schritte eines unbekannten tanzes vollführen und waren nicht mehr von den füssen zu lösen.
und so tanzte die arme durch wald und flur, über berg und tal, durch regen, schnee und sonnenschein. sie tanzte in der finsternis der nacht und noch immer am morgen, wenn die sonne sich über den horizont erhob. sie kannte keine ruhepause.
sie tanzte in den kirchhof hinein, aber dort stellte sich ihr ein geist in den weg und verwehrte ihr den einlass. der geist verfluchte sie mit den worten : "du sollst in den roten schuhen tanzen, bis deinen haut in fetzen von den müden knochen hängt, bis nichts mehr von dir übrig ist, nur deine tanzenden innerein. als gespenst sollst du von tür zur tür tanzen, durch alle dörfer und an jede tür dreimal klopfen. aber wenn die bewohner dich erblicken, werden sie mit grauen vor so einem schicksal wie deinem ihre türen vor dir verschliessen. so soll es und so muss es sein. und nun fort mit euch, ihr roten schuhe, tanzt, tanzt, tanzt."
das mädchen flehte um erbarmen, aber die schuhe trugen sie fort und ihre worte verflogen im wind. sie musste tanzen, wohin die schuhe sie trugen, weiter, weiter, weiter. so kam sie an ihrem einstmaligen heim vorbei und sah eine trauergemeinde im garten versammelt. die alte frau, die sich ihrer angenommen hatte, war gestorben. dennoch tanzte das mädchen weiter, denn es konnte nicht stehenbleiben, und in abgrundtierfer erschöpfung tanzte es schliesslich in die entlegene ecke des waldes hinein, wo der scharfrichter der gemeinde lebte. die axt an seiner hand begann erwartungsvoll zu zittern, als die maid in ihren roten schuhen herbeigetanzt kam.
"bitte, schneide meine schuhe ab, um mich von diesem fluch zu befreien", flehte die arme, während sie an der tür des scharfrichters vorbeitanzte. mit seiner axt durchtrennte er die riemen, doch die schuhe blieben an ihren füssen, und so flehte sie ihn in ihrer verzweiflung an, ihr die füsse abzuhacken, damit die qual ein ende habe, und der scharfrichter tat wie gesagt. da tanzten die schuhe mitsamt den füssen allein weiter durch den wald und über berg und tal davon. das mädchen war nun heimatlos und hatte keine füsse mehr. es musste sich fortan ein armenbrot als dienstmagd verdienen, aber es sehnte sich niemals mehr nach roten schuhen.
(auszug aus der wolfsfrau, version des märchens von clarissa p. estes)
prost.
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