Liebe Filomena,
jetzt sind wir doch bei der Islam-Dislkussion gelandet, tja.
Ich glaube Dir aufs Wort alles was Du sagst. Jeder kann seine Religion so denken und leben, wie er will, hier bei uns im Westen.
Es gibt etliche "postmoderne" Muslime, die ihren eigenen, ganz speziellen Islam haben und praktizieren. Daran ist auch nicht das Geringste zu kritisieren.
Eine möglichst tatsachengerechte Überprüfung der Wirklichkeit zeigt meines Erachtens aber etwas ganz anderes.
Hier will ich also meine eigene, durch kritische Prüfung mir selbst angeeignete Sicht darstellen:
Was bei uns oft als Islam dargestellt wird, ist sehr oft ein individueller Islam aufgeklärter Individuen, oder oft auch liberaler, nicht besonders religöser Muslime. All das gibt es, ja, aber es weder der Mehrheitsislam noch stimmt das mit den orthodoxen Systemen überein.
Selbst in der Geschichte dominierte in der Wirklichkeit keineswegs der orthodoxe Scharia-Islam.
Jahrhundertelang hatten die meisten Muslime anderes zu tun, als Bücher über das islamische Recht zu lesen und danach zu leben. Sie waren meist Analphabeten und hatten weder Zeit noch Geld dafür. Islam war für sie das, von dem ihre Umgebung dachte, es sei der Islam, also die lokale religiöse Tradition. Das ganze nennt man auch "Volksislam".
Seit etwa 100 Jahren ändert sich das. Der "Schriftislam" und das ist meist der orthodoxe Scharia-Islam, wird von immer mehr Muslime entdeckt und praktiziert.
Andere verschriftlichte Islamsysteme gibt es wenig, am ehesten noch die "Batiniya" bei den Ismaeliten. Daneben gibt es meist unverschriftlichte Sufitraditionen und z.B. die Aleviten.
Besonders seit der iranischen Revolution 1978/79 verstärkt sich die Welle des traditionellen Schriftislams immer mehr.
Die Unterscheidung (orthodoxer) Scharia-Islam und Islamismus ist dabei eine künstliche. Islamismus lehrt mit ganz wenigen Ausnahmen nichts anderes, als die traditionelle orthodoxen Systeme. Die Unterscheidung ist bei uns politisch gewollt um so Duck vom Islam zu nehmen.
Bei meinen Aufenthalten in muslimischen Ländern habe ich selbst erfahren, wie Muslime lernen, was Islam ist. Das ganze wird auswendig gelernt, ohne Prüfung an der Wirklichkeit.
Der Islam ist die perfekte Religion (al-din al-kamil) lernt man da und keiner wagt das zu bezweifeln. Wer es dennoch tut, wird sofort abgestraft. Ich habe das selbst erlebt.
Der Islam gibt den Frauen erst ihre Rechte, lernt man da, das wird papageienartig wiederholt, wie alles was man (auswendig)lernt.
Lernen bedeutet in der islamischen Welt bis heute vor allem Auswendiglernen, und zwar völlig kritikloses Auswendiglernen.
Kritik oder gar Selbstkritik sind außer bei ein paar ganz mutigen Intellektuellen völlige Fremdwörter.
Man schafft sich eine eigene Wirklichkeit der Wörter. In dieser virtuellen Wirklichkeit der religiös dominierten arabischen Sprache lebt an dann.
Wer an dieser virtuellen Wirklichkeit kratzt, erfährt die ganze Gewalt einer tief religiösen und nicht pazifistischen Gesellschaft.
Man lebt so ohne hinter die Fassade der Wörter und Denkmuster zu schauen, ganz oft auch unbewusst und völlig unwissend im modernen Sinne.
Was man nicht sagt, worüber die Leue nicht reden, das gibt es nicht. Doppelmoral ist da schnell das normalste auf der Welt: hat ja keiner gesehen, ist ja gar nicht passiert.
Für Aussenstehende wirkt das ganze bei näherem Hinsehen sehr schnell verlogen. Was dabei Selbsttäuschung ist und was Täuschung, wer kanns wissen.