Nachdem ich mich ja jetzt mal in einem anderen Thread geoutet habe, kann ich ja für alle Neugierigen mal die "Ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit"
meiner Knastgeschichte bringen. So ein bischen real Life neben all der Philosophie hier in diesem Forum dient ja auch dem Ausgleich und der Unterhaltung

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In den 70igern nachdem ich eine Karriere als Jesusfreak hinter mir hatte in deren Verlauf ich unter anderem Bibeln und christliche Literatur in den Ostblock schmuggelte und die kommunistische Untergrundkirche bereiste, wechselte ich zur Gegenseite und wurde ein Musik machender Hippie der sich all das in die Birne reinpfiff was damals so gang und gäbe war. Timothy Leary und Castaneda waren meine neuen Gurus bis ich dann auf Osho traf der sich damals noch Baghwan nannte. Meinen Lebensunterhalt bestritt ich zum Teil in dem ich Cannabis aus Holland und Marroko schmuggelte. Das lief alles so gut und ich wurde so selbstherrlich und überzeugt von meiner Unantastbarkeit bis ich eines besseren belehrt wurde und im Knast landete. Man erwischte mich mit eineinhalb Kilo gelbem Lebanon und sperrte mich dafür zweienhalb Jahre wech. Ich habe über diese Zeit Tagebuch geführt und kann ohne künstlich was zu glorifizieren sagen: Was ich in diesen zweieinhalb Jahren erlebte, gehört zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Der erste Satz in meinem Knasttagebuch lautete: Diese Erfahrung habe ich selbst verursacht. Niemand ist schuld. Die Gesellschaft und die Gesetze sind wie sie sind. Die ersten 6Monate meiner Untersuchungshaft verbrachte ich in einer Einzelzelle.
Das Essen wurde mir gebracht. Die Vollzugsbeamten waren meine Diener die mich mit allem lebensnotwendigen versorgten.
Vor meiner Verhaftung lebte ich mit einer Frau zusammen. Alles funktionierte irgendwie und trotzdem war ich total unzufrieden. Ich wollte raus aus allem.
Zeit haben zur Selbsterforschung ohne mich mit den Bedürfnissen die andere Menschen an mich hatten rumzuschlagen. Doch ich wusste nicht wie. Der Knast war die Antwort des Lebens auf dieses Verlangen. Das war mir von Anfang an klar. Die ersten Wochen lag ich meistens in einer Stellung auf meiner Pritsche und beobachtete den Fluss meiner Gedanken und zeichnete meine Träume auf. Ab und zu hatte ich dann aber auch Phasen der totalen Rebellion gegen mein Weggeschlossensein und tigerte wie ein wildes Tier durch die Zelle und spürte meine Wut und meinen Schmerz in einer Form die schier unbeschreiblich ist. Es war gut dass ich in diesen Momenten weggeschlossen war. Ich realisierte, dass ich zu allem fähig war und kein Gebot oder irgendeine Autorität mich bremsen konnte. Ein paar Jahre zuvor hatte ich einen "Meister" kennengelernt. Ein russischer Theaterregisseur und Maler. Ausserdem Theosoph und Sufi. Ich war gut zwei Jahre mit ihm unterwegs gewesen und er hatte mir nachdem er urplötzlich verschwand die gesamten Werke der Madame Blavatsky als "Erbe" hinterlassen. Dieser Meister hatte mir im Gespräch mal erzählt, dass es keine unüberwindbaren Mauern gäbe und dass jede Mauer einen bestimmten Punkt hätte an dem sie ohne Anstrengung zum Einsturz gebracht werden könne. Daran erinnerte ich mich nun im Knast und machte mich auf die Suche nach diesem Punkt. Ich wollte raus. Doch wo sollte dieser Punkt sein? Wie sollte ich ihn finden? Nach einigen Tagen der Meditation über diese Frage nahm ich plötzlich einen Stift und malte einen Punkt in sitzender Augenhöhe an die Zellenwand. Dann setzte ich mich davor und fixierte diesen Punkt. Jeden Tag ein paar Stunden. Plötzlich passierte es. Ich war draussen. Keine Mauer, keine Zelle, kein Knast. Ich reiste. Frei und unbeschwert. In andere Wirklichkeiten. So wirklich und unwirklich wie die sogenannte Realität. Natürlich landete ich immer wieder in meiner Zelle, meinem Körper und trotzdem waren die Schranken, die Mauern durchbrochen. Aber all das war erst der Anfang einer Reise, die bis heute nicht zu Ende ist. Aber heute ich könnte genau so gut sagen, sie hat nie statt gefunden. Dies ist nur eine Geschichte. Die jetzt in Dir erscheint
Wozu? Weshalb? WER will das wissen?
Ich wünsche einen schönen Tag
P.S. Jetzt hätte ich ja fast was vergessen. Und zwar bezüglich des Titels meiner Story. Nach dem ich 3 Tage eingesperrt war und damals unter anderem auch ein Fan von Aktionskunst, malte ich auf mein Bettuch in grossen Buchstaben drauf: Ich bin ein armer Sünder! Daraus machte ich dann eine Art Toga mit der ich mich dann in einstündigen Knastfreigang begab. Diese Aktion bescherte mir einen ersten Besuch und ein Gespräch und die stete Aufmerksamkeit des Gefängnisdirektors.