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AM: Wenn die Veden davon sprechen, dass die Wahrheit keine Eigenschaften hat (nirguna), dann bedeutet das, dass sie nicht von materiellen Eigenschaften beeinflusst ist, das heiъt von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur (guna). Die Erscheinungsweisen der materiellen Natur berЭhren die Seele im befreiten Zustand nicht. Selbst Patanjali rДumt am Ende seiner Yoga-sutras ein (Vers IV.34), purusartha sunnyanam, gunanam pratiprasavah, kaivalyam svarupa pratistha, va citti shaktir iti: Im Zustand der Vollkommenheit ist die Seele nicht mit purusharta verbunden (die vier materiellen TДtigkeiten des Lebewesens: dharma - ReligiЖsitДt; artha - Жkonomische Entwicklung; kama - die Suche nach Sinnengenuss; moksha - Befreiung). Wenn die Seele den vollkommenen Zustand erreicht hat, hat sie also auch nicht mehr das Ziel der Befreiung. Gunanam pratiprasavah: die Seele ist nicht mehr von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur (guna) berЭhrt. Und was passiert, wenn sie diesen Zustand erreicht hat? Kaivalyam svarupa pratistha: Sie nimmt ihre eigene Form (svarupa) an. Va citti shaktir: die spirituelle Kraft; die absolute Wahrheit besitzt Kraft (shakti), und diese KrДfte haben Funktionen. Die spirituelle Seele, die von den materiellen Erscheinungsweisen befreit ist, hat eine Form, und diese Form fЭhrt AktivitДten aus. Diese AktivitДten sind bhakti oder hingebungsvoller, liebender Dienst zu Gott. Kaivalya, Einssein, bezieht sich auf Einssein mit der Natur Gottes. In den Veden wird vielfach von diesem Einssein gesprochen (ekatva oder kaivalya). Auf Grund der Unwissenheit des heutigen Zeitalters wird dieser Begriff des Einsseins heute jedoch fДlschlicherweise als die Abwesenheit von jeglicher Vielfalt und Gestalt interpretiert. Dies wir vastu-kaivalya, Einssein der Substanz genannt. Aber Einssein bedeutet nicht immer Einssein in der Substanz. Z.B. mag in einem GefДъ nur жl sein, oben, unten und in der Mitte ist eine homogene Substanz, vastu. Hier kann man von Einssein sprechen. Es gibt aber noch eine andere Form des Einsseins, Einssein in der Natur (dharma-kaivalya). In dieser materiellen Welt gibt es keine Einheit der Natur, sondern die Natur tritt in den verschiedenen Erscheinungsweisen auf. ber auf der transzendentalen Ebene gibt es dieses Einssein der Natur. Alles ist rein, unverfДlscht und vollkommen, wie das reine Wasser ohne Beimischungen. Das ist auch Einssein, aber ein Einssein, das Vielfalt nicht negiert. In den Upanishaden (Isopanishad, Anrufung) wird gesagt: om purnam adah purnam idam, purnat purnam udacyate, purnasya purnam adaya, purnam evavasisyate. ╩Die absolute Wahrheit ist vollkommen und vollstДndig. Alles, was von der absoluten Wahrheit ausgeht, ist vollkommen und vollstДndig. Und obwohl es unzДhlige Emanationen der absoluten Wahrheit gibt, bleibt sie vollkommen und vollstДndig.╚ Hier wird also das Einssein in Form von vastu-kaivalya nicht bestДtigt, denn es gibt Emanationen von dieser vollstДndigen Wahrheit. Purna bedeutet vollstДndig und bezieht sich auf die Wahrheit, die nicht leer ist.
Weil nun unser Verstand und unsere Intelligenz durch unsere materiellen Erfahrungen begrenzt sind, stellen wir uns etwas Formloses, UnpersЖnliches ohne Vielfalt vor, wenn wir an das Spirituelle denken. Aber die Veden berichten uns, dass die absolute Wahrheit nicht ohne Gestalt und ohne etwas ist. Es ist mehr von allem und vervollstДndigt alles. Es muss also mehr Form, mehr Vielfalt und mehr PersЖnlichkeit geben. Es kann nicht weniger sein als auf unserer relativen Ebene. Manche Menschen denken, dass das Konzept einer formhaften Wahrheit GЖtzenverehrung sei. Aber tatsДchlich ist das formlose Konzept der Wahrheit die GЖtzenverehrung. Warum? In der materiellen Welt gibt es verschiedene Elemente, Erde, Wasser, Luft, Feuer und дther. Von diesen Elementen haben die Erde, Wasser und Feuer eine Form. Luft und дther (Raum) hingegen haben keine Form. Deshalb ist das Konzept, dass materielle Dinge Form haben und spirituelle Dinge keine Form haben, falsch. Es gibt materielle Dinge, die keine Form haben, nДmlich Luft und Raum. Formlosigkeit ist also ebenfalls eine materielle Konzeption. Wenn wir nun Эber die absolute Wahrheit kontemplieren, mag sich eine unwissende Person etwas Formloses vorstellen. Der Geist oder Verstand ist ebenfalls ein materielles Element. GemДъ der vedischen Philosophie gibt es neben den fЭnf grobstofflichen Elementen noch drei feinstoffliche: Geist, Intelligenz und falsches Ego. Eine Person, die die Vaishnavas dafЭr kritisiert, dass sie eine Bildgestalt verehren, unterliegt dem selben Vorwurf, den sie den Vaishnavas macht. Denn diese Person kreiert in ihrer Vorstellung ebenfalls eine Gestalt, ein Form, und zwar nach dem Vorbild ihres Geistes. Ihre Vorstellung korrespondiert also mit ihren Erfahrungen aus der materiellen Welt von etwas дtherischem. Dies verehrt sie dann und nennt es die Wahrheit. Sie schafft somit eine Bildgestalt aus den mentalen Elementen ihrer materiellen Wirklichkeit. Dies ist GЖtzenverehrung. Eine primitive Person, die eine Bildgestalt aus Stein herstellt, z.B. in der Form einer Katze, und diese verehrt, ist im Prinzip nicht weniger weit fortgeschritten als die sogenannten gelehrten UnpersЖnlichkeitsphilosophen, denn beide haben das Gleiche getan. Der eine tat es auf der Ebene der grobstofflichen materiellen Elemente, und der andere tat es auf der Ebene der feinstofflichen materiellen Elemente. Man kann sogar sagen, dass der primitive Verehrer weiter fortgeschritten ist, denn das Objekt der Verehrung des UnpersЖnlichkeitsphilosophen hat weniger QualitДten als diese Katze, die aus Ton oder Stein gemacht wurde. Damit kommt der Verehrer der Katze der absoluten Wahrheit nДher.
RE: Ich glaube, die UnpersЖnlichkeitsphilosophen haben das Konzept, dass die materielle Existenz unvollkommen ist, dass es da Egoismus usw. gibt, und daraus ziehen sie die Schlussfolgerung, dass die spirituelle Wahrheit etwas anderes sein muss, was davon verschieden ist. Deshalb haben sie dieses neti neti, was so viel bedeutet wie "nicht dies, nicht das". Das, was wir in der materiellen Existenz erfahren, kann es also nicht sein. Wie kommt es aber dann, dass sie nicht die positive Wahrheit hinter dem neti-neti finden?
AM: Neti-neti bedeutet die schrittweise Negation der materiellen Erfahrungen, um den Menschen auf die spirituelle Ebene zu bringen. Dies ist aber quasi unmЖglich. Dies ist wie mit dem armen Mann, der in einem verfallenen Haus wohnt. Seine Kleider sind alt und zerschlissen. Seine MЖbel sind zerbrochen. Mit der Logik des neti-neti kДme man dann zu folgenden Schlussfolgerungen: Ein reicher Mann hat kein verfallenes Haus, also entledige dich dieses Hauses. Ein reicher Mann hat keine zerschlissenen Kleider, also entledige die dieser Kleider. Ein reicher Mann hat keine zerbrochenen MЖbeln, also entledige dich dieser MЖbel. Wird der arme Mann dadurch ein reicher Mann? Er hat seine materielle Erfahrung der Armut negiert. Aber jetzt hat er nichts mehr. Auf jeden Fall ist er kein reicher Mann geworden. Nur die materielle Erfahrung zu negieren, bringt noch nicht den Reichtum der spirituellen Erfahrung.
Wir mЖgen es zu denken, dass wir nach der Wahrheit suchen. Wir fЭhren dieses Leben, um herauszufinden, was wahr ist. Wir sind bewusste Wesen, die die Existenz wahrnehmen. Wir versuchen, sie in vollkommener Weise zu sehen. Aber wir sollten verstehen, dass dieses Konzept das egoistische Konzept ist. Das Konzept von "Ich", dass ich existiere, ist nicht illusionДr, es ist eine wahre Erfahrung. Die Illusion ist nur die zu denken, dass ich im Zentrum der Existenz bin, dass ich der Seher und der Handelnde bin. Das ist die Illusion, nicht die IndividualitДt. Wenn ich also verstehe, dass ich nicht der Seher bin, sondern der, der gesehen wird, ist das wahre Erkenntnis. Die Welt ist nicht unter meinem Mikroskop, sondern ich bin die Mikrobe, die von dem Auge im Himmel beobachtet wird. Wenn wir realisieren, dass die Welt nicht das Objekt unserer Untersuchung ist, sondern wir das Objekt der Untersuchung von Gott sind, wird sich unsere Bewegung zur Erleuchtung dramatisch verДndern. Dies bedeutet, dass wir nach innen schauen sollten um herauszufinden, was unsere Motivation fЭr diese Suche nach der Wahrheit ist. Diejenigen, die auf dem Pfad von neti-neti sind, haben die Motivation: "Ich will frei werden vom Leid". Unter dem Vorwand, von Ego frei zu werden, ist die darunter liegende Motivation egoistisch.
Deshalb kommt die bhakti-Schule zu folgender Schlussfolgerung: Werde frei vom falschen Ego, aber akzeptiere das richtige Ego. Wenn deine Suche nach Erleuchtung auf der Plattform der Selbstlosigkeit fundiert ist und Du die Einstellung finden kannst, dass Du nach der Wahrheit suchst, um dieser Wahrheit Freude zu bereiten, dann ist dieses Suchen nach Erleuchtung die wirkliche Aufgabe des Ego. Dein Ich sucht nach der Wahrheit, aber nicht zum eigenen Wohl, sondern zum Wohle der Wahrheit. Ich bin nicht das Zentrum der RealitДt, sondern ein unbedeutender Teil des ganzen Systems mit der Pflicht, in vollstДndiger Harmonie mit der Quelle meiner Existenz zum Wohle von allen zu leben. Das ist das richtige Ego.
RE: Ich glaube, das ist ein sehr wichtiges Konzept, denn der monistische Standpunkt kommt zu der Schlussfolgerung: "Ich bin Gott." Dies kommt daher, dass sie Verschiedenheit weder sehen wollen noch kЖnnen. Ihre Logik lДsst auch den Gedanken nicht zu, dass es mehr als eine individuelle Seele geben mag.
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