Vergeltung...
Nie wieder ging mir der Tod eines Menschen so nahe, und selbst viel später, als ich lernte, dass der Tod ebenfalls nur ein Trugbild des Geistes ist, achtete ich fortan das Leben des Leibes als kostbar, obwohl noch viele von meiner Hand starben die es verdienten...
Wie auch an jenem Tag... von eiskalter Wut erfasst, suchte ich nach dem Täter und es dauerte nicht lange, bis ich den Schuldigen ermittelt hatte... die Furcht vor den dunklen Künsten war sehr groß zu dieser Zeit und meine finsteren Drohungen lösten rasch die Zungen dieser abergläubischen, unbedarften Menschen..
Als der Schuldige erkannte, dass er verraten worden war, ergriff er die Flucht... aber mein Körper war gestählt durch das Leben in der Wildnis und wie ein Spürhund folgte ich ihm über die Felder und holte ihn rasch ein... er war kräftig, aber ich überwältigte ihn mit der zusätzlichen Kraft meines Zorns und band ihn so, dass die Stricke tief in sein Fleisch einschnitten... dann flößte ich ihm ebenfalls jenen Trank ein, der seinen Geist meinem sehenden Auge öffnete...
Ich sah ihn mit Apfelzimt zusammen des Weges gehen und dann sah ich sie plötzlich vor ihm davonlaufen... offensichtlich hatte er ihr seine wahren Absichten offenbart... sie lief quer über das Feld und versuchte in den angrenzenden Wald zu entkommen... er jedoch holte sie ein und stieß sie zu Boden... sie wehrte sich wie eine Wildkatze, kratzte und biss und als er merkte, dass er sie so nicht überwältigen konnte, schlug er ihr einen großen Feldstein an den Kopf...
Ich konnte in seinem Geist erkennen, dass er sie nur betäuben wollte, um sich an ihr vergehen zu können... aber sein Schlag war zu kräftig gewesen und hatte ihren Schädel geöffnet... als er das helle sprudelnde Blut sah welches dampfend auf die Erde rann, bekam er es mit der Angst und rannte davon...
Ich zerrte ihn hinter mir her in den Wald nachdem ich ihm die Zunge herausgeschnitten hatte, da ich sein Bitten und Betteln nicht hören wollte... mein Herz war hart geworden und finster wie die tiefe Schlucht, in der ich ihn mit bloßen Händen sein Grab ausheben ließ...
dann tötete ich ihn ebenfalls mit einem Stein... immer wieder schlug ich auf ihn ein, selbst als sein Geist längst entflohen war...
Damals wusste ich auch noch nicht, dass Rache ebenso bedeutungslos ist, wie der Tod einer Unschuldigen... das wahre Leben konnte nicht zerstört werden und über die Gesamtheit der Jahrhunderte die der Geist des Menschen durch die Geschichte streift, halten sich Gut und Böse stets die Waage...
und erst in einem weiteren Leben auf den eisigen Hochebenen des Daches der Welt, in der Obhut der Bön-Priester, lernte ich, dass nicht einmal Gut und Böse wirklich existieren, dass selbst Teufel und Götter nur die Verkleidungen jenes einen Großen Geistes sind, der unsere Wahrheit ist...
Damals jedoch reckte ich, nicht mehr ganz bei mir vor Schmerz der sich nun unaufhaltsam Bahn brach, meine blutigen Fäuste in den grauen Himmelsstreifen über mir und schrie wie von Sinnen:
-Apfelzimt, es tut mir leid... hörst du mich mein Augenstern...? ich habe dich gerächt... oh Apfelzimt, es tut mir so leid... vergib mir...-
Dies stieß ich immer wieder hervor, sobald das Echo meiner sinnlosen Schreie im Dämmerlicht der Schlucht verhallt war...
Aber nur der Wind antwortete mir raunend in den Baumwipfeln dunkler Tannen und teilnahmslos starrten die grauen Felsen, die sich die Schlucht empor reckten, auf die Stätte meiner Seelenqual herab...
Bittere Tränen des Selbstmitleids schossen immer wieder in meine brennenden Augen und irgendwann brach ich heiser und schluchzend über dem Steinhaufen zusammen, unter dem der zerschmetterte Leichnam lag...
Erst zwei Wochen später hatte ich mich soweit gefangen, dass ich an die Rückkehr zu meinem Meister denken konnte...
aber vorher noch übergab ich ihr goldenes Haar dem Wind, der mir als Einziger geantwortet hatte...
Dann machte ich mich mit leerem Herzen auf den Weg, vorwärts in eine ungewisse Zukunft...
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Geändert von Gast2315 (08.02.2010 um 12:51 Uhr)
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