Apfelzimt...
Als sich mit dumpfem Schlag die Tür hinter mir schloss und ich meine Gefährtin mit einer Umarmung begrüßt hatte, war ich erleichtert dem stechenden Blick, den ich noch eine ganze Weile in meinem Rücken gespürt hatte, entkommen zu sein...
Allerdings schmeckte mir das einfache aber vorzügliche Mahl nicht so, wie es mein Hunger erwartet hatte... immer wieder erschien das furchtbare blinde Auge in meinem Geist und starrte mich mit der kalten Gleichgültigkeit eines Reptils an... mit der Art Gewissheit, mit der ein Reptil seine Beute betrachtet, von der es weiß, dass sie ihm nicht entrinnen kann...
Meine Gefährtin spürte meine Unruhe und legte besänftigend ihre Hand auf meinen Arm... sie erzählte mir, dass der Dorfvorsteher einen Zauberer hatte kommen lassen, da seine Tochter an einem heftigen Fieber erkrankt war und er herausfinden wolle, ob vielleicht Hexerei im Spiel sei...
Ich wurde blass und als ihr klarer Blick fragend in mich drang, konnte ich nicht weiter schweigen... hastig berichtete ich ihr von meinem Missgeschick und ich sah wie auch sie erbleichte, denn der Zusammenstoß mit einem Zauberer galt als schlechtes Omen...
Wir gingen früh zu Bett, doch als ich mich rastlos umherwarf, nahm sie mich in die Arme und wir liebten uns mit der Leidenschaft derer, die wissen, dass es für ihr Glück keine Zukunft gibt...
Selbst im Traum suchte mich das bleiche Auge heim, während das andere, das dunkle Auge, in meinem Innern zu einem tiefen Schacht wurde, der schließlich meinen verstörten Geist in seinen traumlosen Strudel zog...
Am nächsten Morgen wurden wir durch heftiges Pochen geweckt noch bevor die Sonne aufging... sofort kam mir alles wieder in den Sinn und von dunklen Ahnungen getrieben, tappte ich schlaftrunken zur Tür und schob den schweren Riegel zurück... es war der Büttel der mir befahl sofort zum Haus des Vorstehers zu kommen... und bevor ich ihn fragen konnte worum es ging, hatte er bereits auf dem Absatz kehrt gemacht und war in der Dunkelheit verschwunden...
Ich schlüpfte eilig in meine Kleidung und meine Gefährtin reichte mir mit sorgenvollem Blick noch rasch ein feuchtes Tuch, damit ich Gesicht und Hände reinigen konnte... dann stürmte ich hinaus in den heraufdämmernden Tag...
Im Haus des Vorstehers wurde ich sogleich vorgelassen und folgendes wurde mir mit ernster Mine eröffnet: Dem Heiler sei es tatsächlich gelungen das Fieber zu bannen und nun bestehe er darauf, zusätzlich zu seiner reichlichen Entlohnung, mich als seinen Schüler mitzunehmen...
denn er sei alt und suche schon seit längerem nach einem geeigneten Nachfolger, der das Wissen um die geheimen Künste weiter durch die Jahrhunderte tragen sollte... ein günstiges Zeichen habe ihn auf mich verwiesen und die Rettung der Tochter erfordere Leben gegen Leben...
So dachte er und ich weiß nicht, ob ihm bewusst war, dass auch er nur ein Werkzeug des einen Großen Geistes war, welcher die Geschicke aller Lebewesen in der Hand hält...
Natürlich hatte der Vorsteher diesem obskuren Ansinnen sofort zugestimmt, ohne mich gefragt zu haben... in jener Zeit war niemand sein eigener Herr, besonders dann nicht, wenn er wie ich ein Waise war... meine Eltern wurden von marodierenden Soldaten hingemordet, als ich noch ein Knabe war...
Ich muss gestehen, so leid es mir auch tat das Dorf und vor allem meine zärtliche Gefährtin zu verlassen, schien es mir doch sehr verlockend ein mächtiger Zauberer zu werden und vielleicht den sinnlosen Tod meiner Eltern rächen zu können...
Jahrelang hatte mich der Hass auf die fremden Landsknechte fest im Griff, die roh meine Mutter geschändet, und meinen Vater, als er ihr zu Hilfe kommen wollte, erschlagen hatten wie einen räudigen Hund... nicht lange danach folgte sie ihm aus lauter Gram ins Reich der Schatten...
Obwohl ich trotz meines schweren Geschicks eigentlich ein heiteres, unbeschwertes Gemüt mein Eigen nannte, war der Gedanke an Rache die Triebkraft, die mich in die finsteren Abgründe der Zauberei hineinstieß... ja, ich war sogar bereit, dafür auch mein ewiges Seelenheil hinzugeben...
denn wir wussten aus den sonntäglichen Predigten, dass der HERR bei seinem Strafgericht den Zauberern und Götzendienern nicht vergeben würde...
auf ewig mussten sie die brennenden Qualen der Hölle erdulden...
aber das war mir einerlei, wenn ich nur Vergeltung üben konnte, und sei es mit dem Teufel als Verbündeten...
So dachte ich an jenem dämmrigen Morgen, als ich mit einem kleinen Bündel auf dem Rücken und einigem Proviant am Gürtel hinter dem finsteren Magister durch das taufeuchte Gras stapfte... meine Gefährtin hatte mir noch eine Locke ihres goldgelben Haares zugesteckt, die ich in einem kleinen Lederbeutel über meinem Herzen verwahrte...
Auch hatte der Dorfvorsteher mir noch rasch ein Schweigegelübde abgenommen, denn niemand sollte von dem Handel erfahren... er war bereits ein hohes Risiko eingegangen, als er diesen heidnischen Heiler ins Dorf geholt hatte... denn der lange Arm der kirchlichen Macht machte mit jedem der die Hilfe eines Zauberheilers in Anspruch nahm kurzen Prozess...
diese Diener Gottes, welche die Liebe des Heilands von der Kanzel verkündigten, waren allzu gern bereit, Menschen im Namen eben jener Liebe der grausamsten Folter und einem elenden Feuertod zu überantworten...
Aber das bekümmerte mich im Moment nicht... mein Hals war immer noch feucht von den Tränen und Küssen meiner Geliebten und ihr trauriges Schicksal dauert mich sogar noch heute wo ich diese Zeilen schreibe...
obwohl ich inzwischen weiß, dass in Wahrheit dieses bizarre Welttheater unsere unsterblichen Seelen nie befleckt hat und nie beflecken wird...
Einige Zeit nach meiner Abreise nämlich, begannen die Männer des Dorfes um sie zu werben, da sie von hübscher, anmutiger Gestalt war... sie jedoch verweigerte sich allen Freiern, in der verzweifelten Hoffnung ich würde eines Tages doch noch zu ihr zurückkehren...
An einem frostigen Herbsttag fand ein Jüngling aus dem Dorf sie schließlich auf dem kahlen Feld... ihr weizenfarbenes langes Haar hatte sich rot gefärbt und aus einem Loch in ihrem Schädel war der kostbare Lebenssaft im reifbedeckten Boden versickert...
Ich erfuhr das alles jedoch erst, als ich ein paar Jahre später wieder in diese Gegend kam, denn mein Magister und ich machten weite Reisen... auch durften wir uns nie zu lange an einem Ort aufhalten...
so war ich voller Vorfreude als ich hörte, dass man in jenem Dorf
unsere Hilfe erneut benötigte und gerne hätte ich den Boten, der heimlich zu uns schlich befragt... aber er war bereits fort, als ich vom Sammeln heilkräftiger Pflanzen aus dem Wald zurückkehrte...
mein Meister aber hatte mich dann ganz allein mit dem Auftrag betraut und mich dabei recht seltsam angesehen... den Grund dafür sollte ich bald erfahren...
Nachdem ich die Heilzeremonie erfolgreich hinter mich gebracht hatte, führte man mich zu jenem jungen Burschen, der ihren leblosen Körper entdeckt hatte und gewaltsam drang ich in seinen vor Angst schlotternden Geist ein, nachdem ich ihn gezwungen hatte einen speziellen Trank zu trinken...
Dann sah ich durch seine Augen wie ihr kurzes Leben zu Ende gegangen war... sah, wie er sie von weitem auf dem Feld liegen sah, eine kleine Unregelmäßigkeit nur, die sich vor der Eintönigkeit abhob...
wie er sich neugierig näherte, vor ihr niederkniete als er erkannte was da vor ihm lag und sie nach kurzem Zögern von Mitleid überwältigt, in die Arme nahm...
Der Strom des Blutes war längst getrocknet, doch ihr Geist war immer noch in ihr, weigerte sich die zerbrochene Hülle zu verlassen... als ich die Kraft meines Sehens auf dieses Rätsel richtete, schlug sie die Augen auf und unser Blick traf sich über die Zeit hinweg...
da erkannte ich erschrocken den Grund, warum sie sich so verzweifelt an das Leben klammerte...
Tief gerührt sah ich nun, dass sie in all den Jahren die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit mir wahrhaftig nie aufgegeben hatte und selbst im Erlöschen ihrer Lebenskraft noch daran festhielt...
ja, sich mit dieser Hoffnung sogar selbst dem Tod verweigerte...
Durch die Augen jenes flaumbärtigen Jünglings sah ich dann, wie ein letztes Aufflackern von Freude über ihre bleichen Wangen huschte und für einen kurzen Moment die Todesschatten verbannte, die bereits deutlich ihren sonst so sanften Blick umflorten... die trügerische, aber felsenfeste Hoffnung und ihr getrübter Blick ließen sie tatsächlich glauben, ich sei es selbst, der sie weinend im Arm hielt... und ich sei endlich zu ihr zurück gekommen...
mit letzter Kraft versuchte ihr Mund Worte zu formen und ich war dem Jüngling dankbar, dass er sogleich seinen Kopf senkte, damit er sie verstehen konnte...
-Marcel...- so hieß ich damals... -du bist da... halt mich... mir ist so kalt...-
Ich war so erschüttert, dass ich fast die Kontrolle über den Geist des Jünglings verloren hätte... und ich war ihm abermals dankbar als ich sah, wie er seine Wange an ihre blutleeren kalten Lippen hielt und ihr stellvertretend für mich, der ich im Augenblick ihres Abschieds nicht da war, seinen Trost spendete... seine Tränen tropften in ihr Haar, denn obwohl sie ihm eigentlich nichts bedeutete, war er doch tief ergriffen von dem Geschehen...
Noch einmal hauchte sie, schon leiser werdend die selben Worte in sein Ohr... -Halt mich... mir ist so kalt...- und in einem langen Ausatmen entspannte sich ihr Leib und ließ endlich den Geist ziehen...
Mit steinernem Gesicht gab ich dem Jüngling ein Silberstück, nachdem ich ihn aus der Trance geholt hatte... er sah mich nur verwirrt an, dann verlangte ich das Grab zu sehen...
dort, auf jenem kahlen Totenacker am Rand es Dorfes ritzte ich den
Namen –Apfelzimt- in das schlichte Holzkreuz über ihren gewöhnlichen Namen, der bereits verblasste...
denn ich hatte sie stets nur mit diesem Kosewort gerufen...
und immer wenn mir in jenem Leben wieder der Geruch von Zimt und Äpfeln in die Nase stieg, musste ich an sie denken...