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Leerheit als Prozess des Loslassens
Leerheit ist für Nagarjuna ein Prozess. Es ist keine Leerheit, sondern eher ein Leeren. Es ist ein Loslassen von Auffassungen, von Sichtweisen, ein Loslassen von Gewissheiten, ein Abwerfen von Dingen. Anders gesagt, Leerheit birgt eine Dynamik, eine Bewegung in sich.
Und wodurch werden unsere Ansichten blockiert oder unterbunden? Unsere Meinungen, unsere Auffassungen, Überzeugungen, die wir haben, und zwar nicht nur auf der intellektuellen Ebene – diese Auffassung vertreten sicherlich die meisten buddhistischen Schulen – sind auch in eine Art Instinktebene eingebettet. Wir sind davon überzeugt, dass die Welt auf eine bestimmte Weise existiert; sind davon überzeugt, selbst auf eine bestimmte Weise zu sein. Darüber brauchen wir nicht weiter nachzudenken, müssen auch keine komplexe Philosophie über das Ego haben, sondern es kommt sozusagen schon fertig bei uns an. Es ist da.
Es kommt also nicht nur darauf an, einige Theorien abzulegen, die wir zufällig haben, sondern das Ganze geht viel tiefer. Entscheidend ist, sich auf das eigene Erfahren auszurichten bzw. sich darauf einzustellen, und zwar mit ausreichender Entspannung und gleichzeitig auch mit einem ausreichenden Fokus und Konzentration, ausreichender Offenheit, ausreichendem Fragen, so dass einige dieser auf Gewohnheit beruhenden Überzeugungen wegfallen werden.
Zen-Meister Dogen beschreibt eine seiner Einsichten in einem berühmten Ausdruck als „Abfallen von Körper und Geist“. Etwas fällt ab. Etwas wird abgeworfen. Etwas wird losgelassen. Und das, was aufgegeben oder fallen gelassen wird, ist, so glaube ich, jener Teil unseres Geistes, der danach verlangt, eine Sicht der Dinge starr und hartnäckig an Ort und Stelle festzuhalten. Und dies betrifft insbesondere unser Ich-Gefühl; wie wir uns selbst wahrnehmen, und deswegen auch, wie wir andere Menschen, Dinge, Objekte – einfach alles – wahrnehmen. Wenn wir Dinge auf diese Weise festlegen und festhalten, dann verdecken bzw. verbergen oder blockieren wir dadurch unsere Fähigkeit, sie als Geheimnisse zu erfahren. Das gilt zum Beispiel für eine Person, die wir nicht mögen, – der Buddhismus spricht immer von Hass und Gier – und besonders für Dinge, die wir uns gierig aneignen wollen; Dinge oder Personen, die wir nicht ausstehen können und loswerden wollen. Sobald wir in dieser Art emotionaler Beziehung eingeschlossen sind, fixieren wir das Objekt so stark an Ort und Stelle und es wird zu etwas so Festgelegtem, dass es in dem Moment unmöglich ist, es als etwas Veränderliches, Vergängliches zu sehen, als etwas, das aus bestimmten Bedingungen hervorgegangen ist, etwas, das kommt und geht. Es ist dann nicht möglich, es als etwas Merkwürdiges, Rätselhaftes, Erstaunliches und Eigenartiges wahrzunehmen.
Doch selbst wenn der Geist sich öffnet, wenn wir denselben Dingen mit einer offenen, fragenden, achtsamen Aufmerksamkeit begegnen können, werden sie dadurch nicht nur klarer für uns. Vielmehr erscheinen sie merkwürdigerweise auch immer verwirrender und geheimnisvoller, je klarer der Geist wird und je klarer wir die Dinge sehen.
Daher verläuft der Prozess im Kontext der Vorstellung von einem „plötzlichen“ Weg nicht so, dass man ein Problem erst identifiziert, es anschließend löst und dadurch von ihm befreit wird, sondern es geht darum, in sich selbst zu gehen, in andere, in die Welt, in die Grashalme im Garten, und das schier Rätselhafte daran, dass sie überhaupt da sind, zu erkennen bzw. sich für diese Rätselhaftigkeit zu öffnen.
Ich glaube, Erfahrungen wie die Folgende machen wir bei jeglicher Art von Meditations-Retreat, wenn wir den Geist beruhigen, still werden und einfach nur aufmerksam sind: Sehr oft, wenn wir aus der Halle heraustreten, zum Beispiel, um draußen einen Spaziergang zu machen oder zum Mittagessen zu gehen, scheint die Welt leuchtend, hell, glänzend. Geräusche haben eine gewisse Schärfe, eine Fülle angenommen. Dies geschieht, weil wir – vielleicht auf einer Ebene unterhalb unserer bewussten Wahrnehmung – unser gespanntes Verhältnis zur Welt und zu uns selbst etwas entspannt haben. Und in diesem Bewusstsein geistiger Klarheit wird auf merkwürdige Weise die Welt nicht weniger rätselhaft, sondern sie wird sogar noch rätselhafter! Wenn Sie in das Geheimnis einer Sache eindringen, wird sie dadurch nicht weniger geheimnisvoll, sondern sie wird nur noch geheimnisvoller. Je tiefer Sie in das Herz der Realität vordringen, desto deutlicher tritt Ihnen vor Augen, wie wenig Sie wissen. Das ist beinahe eine Binsenweisheit. In vielen verschiedenen Traditionen findet sich das Thema, dass ein weiser Mensch sich dessen bewusst ist, wie wenig er weiß – nicht wie viel.
Es herrscht also eine gewisse Bescheidenheit vor, eine gewisse Demut angesichts der Welt, der Schöpfung, des Wunders, lebendig zu sein; in unserem physischen, emotionalen Leben, unserer Wahrnehmung, unserem inneren Leben. Wir neigen dazu, Dinge als stückweise in ihre Bestandteile zerlegbare Fakten zu betrachten, die wir identifizieren, voneinander unterscheiden, kennen, mögen oder nicht mögen können. Doch sobald sich dies einmal aufgelöst hat, finden wir uns konfrontiert mit etwas weit Geheimnisvollerem, weit Befremdlicherem.
Leerheit/Leeren – Bedingtheit
Um noch einmal auf die Leerheit zurückzukommen – bzw. zum „Leeren“, um den Aspekt des Loslassens auszudrücken: Es gibt ein Dogma innerhalb der philosophischen Madhyamika-Schule, gemäß dem Leerheit als Entsprechung der Bedingtheit(5) bzw. des „ Abhängigen Entstehens“, wie es normalerweise übersetzt wird, gesehen wird.
Und wenn der Buddha das beschreibt, zu dem er erwachte, spricht er – zumindest in einigen frühen Texten – von abhängigem Entstehen, bedingtem Entstehen: Wenn dies ist, entsteht das. Die Dinge sind leer, weil sie nicht an und für sich als etwas Festgelegtes existieren, sondern sie existieren lediglich in Bezug auf etwas anderes. Und dieses „etwas anderes“ ist ebenfalls leer, weil es ebenso wenig eine intrinsische Natur hat, weil es ebenfalls in Abhängigkeit von anderen Ursachen und Bedingungen entsteht, und so weiter. Und dieses endlose Netz aus Beziehungen, Verbindungen, Ursachen, Wirkungen, Pfaden usw. macht für den Buddha das Wesen des Lebens selbst aus. Meiner Meinung nach könnte man den Ausdruck „bedingtes/abhängiges Entstehen“ im Grunde durch den Begriff „Leben“ ersetzen.
Und eben durch das „Leeren“, dadurch, dass wir unsere fest gefügten Vorstellungen von den Dingen loslassen, können wir zum Herzen des Lebens selbst vordringen.
Aspekte des Suchens und Fragens
Das Charakteristischste an der buddhistischen Vision ist – für mich zumindest – die Tatsache, dass das Leben sich selbst genügt. Wir brauchen weder einen außerhalb stehenden Gott, der es hervorbringt oder in Gang hält, noch brauchen wir irgendeinen geheimnisvollen Geist oder ein höchstes Bewusstsein oder etwas Inneres, um das Leben zu legitimieren oder ihm Unterstützung von innen heraus zu gewähren.
In den späteren Schulen des Buddhismus liegt die Betonung sehr auf dem Geist, der Natur des Geistes und damit zusammenhängenden Vorstellungen. In den frühen Texten hingegen ist nichts oder nur sehr wenig davon vorhanden. Stattdessen wird immer wieder die Bedeutung hervorgehoben, dass alles, was auch immer entsteht, als etwas Vergängliches und Bedingtes entsteht. Es kommt und geht. Und unabhängig davon, wie weit man die Ursprünge zurückverfolgt, man wird niemals bei etwas anlangen, das sozusagen den Anfang bildet, in dem Sinne, dass es nicht mehr weiterginge.
Wir können zwar suchen, doch selbst wenn wir unsere eigene Natur, die Natur der in die Dinge gründlich erforschen, finden wir weder etwas – ein Ich oder eine Sache oder ein „Es“ oder irgendeine Essenz oder Substanz, wenn man es philosophisch ausdrückt – noch finden wir nichts (diese Auffassung wird in der Madhyamika-Schule sehr deutlich vertreten). Stattdessen geht das Suchen einfach immer weiter, vergleichbar mit Fraktalmustern in Hologrammen: Geht man in einen kleinen Punkt hinein, fächert er sich auf in Myriaden andere Dinge. Es gibt allem Anschein nach kein Ende. Es ist etwas an der Natur der Welt, das in ihrem tiefsten Kern unendlich ist, und selbst in der Quantenphysik, um ein Beispiel zu nennen, habe ich das unbestimmte Gefühl, dass man bei der Suche nach ultimativen Bestandteilen der Materie nie ein Ende finden wird.
Es scheint, als hätten wir uns aufgemacht, um nach etwas zu suchen, das möglicherweise überhaupt nicht existiert. Doch was letztendlich wirklich zählt, ist nicht das Endergebnis, sondern das Untersuchen, das Fragen.
Dementsprechend läuft auch das Praktizieren nicht so ab, als würden Sie immer wieder fragen: Was ist das, was ist das, was ist das? Und plötzlich – krawumm! – hätten Sie es und könnten dann sagen: „Oh, das ist aber interessant. Jetzt kann ich öfter mal etwas tun, das nicht ganz so mühsam und schmerzvoll ist.
Tatsache ist, dass es Sie einfach auf eine andere Ebene des Fragens wirft. Und meines Erachtens setzt sich dies immer weiter fort. Ich glaube nicht, dass es überhaupt ein Ende gibt. Unser Leben wird nicht allein dadurch weniger geheimnisvoll, weniger merkwürdig und verwirrend, dass wir ein paar Satori-Erlebnisse haben oder eine gewisse Einsicht erlangen oder auch eine Erfahrung der Leerheit oder was auch immer durchleben, im Gegenteil: Ich glaube, solche Erfahrungen versetzen uns in die Lage, dass wir die Dinge auf einer tieferen Ebene hinterfragen können. Damit schließe ich.
(1) S. den Vortrag „Zen“.
(2) S. Vortrag „Zen“.
(3) Pali: Sotapanna; Skt. Shrota-Apanna; das entspricht der ersten der sog. vier Stufen der „Heiligkeit“ im Hinayana; die letzte Stufe ist der Arhat. (Anm. d. Ü.)
(4) Mulamadhyamakakarika Kap. 13, Vers 8, zit. nach Stephen Batchelor, Nagarjuna – Verse aus der Mitte. Eine buddhistische Version des Lebens. Berlin: Theseus 2002, S. 30.
(5) Contingency.
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