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Alt 06.02.2010, 08:11   die batchelors (martine und stephen) Beitrag #3 (permalink)
bettina Frau
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Optimal empfänglich sein

Andererseits ist die weniger aufregende Kehrseite dieses Ansatzes, dass es keinerlei Garantie gibt, dass überhaupt etwas passiert. Sie haben nicht die geringste Kontrolle darüber. Irgendwo in der Bibel heißt es: „Der Geist weht, wo er will.“ Etwas davon spielt auch hier mit hinein, und zwar in dem Sinne – und ich glaube, auf sehr tiefgehende Weise –, dass es eigentlich nichts gibt, was Sie oder ich tun können. Alles, was uns vielleicht zu „tun“ bleibt, ist, einen Zustand der optimalen Empfänglichkeit zu entwickeln; uns selbst zu erlauben, in einem geistigen Rahmen zu verharren, der tendenziell offen für die Möglichkeit ist, dass Einsichten oder Liebe „hereinbrechen“.
Im Christentum gibt es einen schönen Ausdruck dafür: Sie nennen es Gnade. Mit anderen Worten, es hat nichts mit uns zu tun, mit unserem Ego, das nach Erleuchtung strebt. „Stephen will wirklich die Erleuchtung erlangen, also wird Stephen diese Woche wirklich richtig gut sitzen!“ – Eine solche Einstellung kann paradoxerweise genau das sein, was Stephen daran hindert, überhaupt irgendwohin zu gelangen.
Seltsamerweise müssen wir in der Lage sein, Streben und Entschlossenheit, Mut und Hingabe und all diese Dinge wertzuschätzen und gleichzeitig anzuerkennen, dass das Ego, das Ich, eigentlich nicht die geringste Kontrolle darüber hat, was als Nächstes geschieht. Es gibt keine Garantie. Wir werden Ihnen am Ende des Retreats nicht Ihr Geld zurückzahlen, wenn Sie die Erleuchtung nicht erlangt haben. Es gibt überhaupt keine Garantie! Man muss darauf gefasst sein, dass überhaupt nichts passieren wird – und das ist in Ordnung. Denn sonst würden wir immer versuchen, den Pfad zu unseren eigenen Bedingungen, gemäß den eigenen Wünschen zu definieren. Doch vielleicht ist das „Ich“, das etwas will, überhaupt nicht das Ausschlaggebende daran. Streben und Loslassen

Ich erinnere mich an meine Zeit als Mönch in Korea – häufig saßen wir stundenlang ohne Ende, um zu meditieren. Und manchmal zählte ich buchstäblich die Stunden, die ich damit verbracht hatte zu sitzen; ich addierte die Tage, zählte die Kilometer, die ich um den Raum herumgegangen war, als hätte ich dadurch Pluspunkte gesammelt, eine Art Kapital oder Aktien, die es mir ermöglichen würden, in den Genuss des Resultats zu kommen, sobald ich eine bestimmte Ebene der Investition erreicht hätte. Aber so funktioniert es nicht!

Viele Erzählungen in Zen-Texten handeln davon, dass ein Mönch, der strebt und sich wirklich Jahr um Jahr bemüht, nur dadurch, dass er aufgibt, „aussteigt“ und seinen gesamten Ehrgeiz fallen lässt, offen genug ist.
Ein berühmter Fall ist der des Mönchs, der eines Tages sagt: „Vergesst diese ganze Meditation, ich gehe jetzt in die Felder.“ Und er hackt den Boden auf und schlägt dabei mit der Hacke auf einen Kieselstein. Der Stein macht „boing“, prallt dann auf ein Bambusrohr und macht „ping“ – und als der Mönch das „ping“ hört, da hat er es! Er ist geistig in einem vollkommen entspannten Zustand. Er hat sein Ziel aufgegeben. Und dennoch ist er nun dafür optimal empfänglich.
Auch im frühen Kanon ist eine wunderbare Geschichte von Ananda, der in den letzten 25 Jahren seines Lebens der Begleiter und Diener der Buddha war. Ananda ist nur ein einfacher „In den Strom Eingetretener“.(3) Alle anderen werden reihenweise Arhats, Aber Ananda bleibt immer nur auf der ersten Stufe. Und vor dem letzten Konzil, an dem er ausnahmsweise teilnehmen darf, obwohl er kein Arhat, kein befreiter Heiliger, ist, sagt er: Gut, am besten bemühe ich mich noch ein letztes Mal. Und so geht er in der Nacht vor der Versammlung nach draußen und praktiziert die Achtsamkeit des Körpers, Gehmeditation usw. Nichts passiert. So kehrt er in sein Zimmer zurück, und dann, genau in dem Moment, bevor sein Kopf das Kissen berührt – einer seiner Füße schwebt noch über dem Boden – erfährt er Erleuchtung. Wieder haben wir dieselbe Vorstellung: Erst dadurch, dass man die ganze Sache innerlich loslässt, findet man zu einer geistigen Verfassung, in der man empfänglich dafür wird.

Verwirrung akzeptieren und fragen

Bezogen auf das, was wir hier tun – fragen usw. –, bin ich der Ansicht, dass wir uns selbst vor allem dadurch in einen Zustand optimaler Empfänglichkeit bringen, dass wir uns der Erfahrung in besonderer Weise öffnen. Und Fragen zu stellen ist meines Erachtens ein Kernelement dieser Haltung. Wir erlauben uns, unsere Verwirrung und Desorientierung anzunehmen, sie nicht für ein großes Problem zu halten, und glauben nicht, dass wir sie loswerden müssten. Wir akzeptieren, dass etwas sehr Wahres, sehr Reales in der Verwirrung liegt. Wir machen uns selbst nichts vor, wenn wir verwirrt sind. Unter Umständen fühlen wir uns zwar frustriert, aber andererseits ist unsere Verwirrung und die Tatsache, dass wir uns dessen bewusst sind, auch ein sehr ehrlicher Zustand. Dieser Art des Fragens wohnt eine tiefe Ehrlichkeit inne.

Der deutsche Philosoph Heidegger spricht vom Fragen; er bezeichnet es als die „Frömmigkeit des Denkens“. Frömmigkeit. Diese Zeile ist mir von jeher aufgefallen. Es ist etwas beinahe Andächtiges, fast Religiöses damit verbunden, wenn man dazu in der Lage ist, in diesem Zustand der Ratlosigkeit zu verharren: Was ist das? Was passiert? Wenn man dazu fähig ist, unmittelbar zu diesem grundlegenden Nichtwissen, zu dieser grundlegenden Verwirrung zurückzukehren und alle Meinungen und Überzeugungen darüber, wie smart und clever man doch ist, fallen lässt, die man fortwährend sich selbst und allen Freunden präsentiert. Denn in Wirklichkeit wissen wir es einfach nicht. Wir haben nicht die geringste Ahnung, was überhaupt passiert. Es ist etwas zutiefst Ehrliches damit verbunden. Eine Art Kapitulation, ein Loslassen liegt im Akzeptieren dieser Verwirrung. Und diese Verwirrung, diese Ehrlichkeit, berührt, wie ich glaube, auch das Akzeptieren der schieren Unergründlichkeit der Dinge, das Akzeptieren ihrer schieren Fremdartigkeit, ihrer Sonderbarkeit.

Leerheit

Ich habe das Gefühl, dass dies sehr stark mit dem, was Buddhisten Leerheit nennen, verbunden ist. Leerheit ist wieder eine dieser Vorstellungen, über die wir viel hören, die aber auch oft missdeutet wird als etwas, das wir verstehen müssten. In der Tradition, in der ich als Mönch bei den Tibetern ausgebildet wurde, gab es die Vorstellung eines nichtkonzeptionellen, unmittelbaren Verstehens der Leerheit. Eben das ist in gewisser Weise befreiend. Dadurch wird Leerheit zu einer Art tieferer Realität, zu einer Art kosmischer Leere, etwas, das man zu verstehen bestrebt ist.
Wenn wir allerdings zu Nagarjuna zurückgehen, der in vielerlei Hinsicht der Urheber dieser Vorstellungen ist, dann sagt er so etwas offenbar überhaupt nicht. Es gibt einen bekannten Vers von ihm aus dem 13. Kapitel seines berühmtesten Werkes, wo es heißt: „Buddhisten sagen, Leerheit ist das Aufgeben von Ansichten. Wer an Leerheit glaubt, ist nicht zu heilen.“(4)
Demnach ist Leerheit für Nagarjuna eigentlich nichts, was man verstehen könnte. Mit einer solchen Auffassung wäre Ihnen also das Wesentliche entgangen. Wenn Sie die Leerheit als etwas sehen, an das Sie glauben, und daraufhin versuchen, eine direkte Einsicht in sie zu gewinnen, haben Sie sie schon missverstanden. Dann haben Sie sie bereits falsch gedeutet.
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