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Alt 06.02.2010, 08:10   die batchelors (martine und stephen) Beitrag #2 (permalink)
bettina Frau
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Registriert seit: 17.03.2007
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Zen reagierte auf eine solche Situation – und wir können dasselbe für viele Bewegungen feststellen und zum Beispiel auch die grundlegende Schubkraft des Protestantismus dadurch erklären. Eine vergleichbare Entwicklung ist auch sehr anschaulich dargestellt im Leben von George Fox im Zusammenhang mit der Gründung der Quäker-Bewegung, und wir finden wahrscheinlich ähnliche Beispiele in den meisten Traditionen. Der Sufismus ist eine Entsprechung im Islam.
Eine solche Gegenbewegung entsteht, wenn an einem bestimmten Punkt die Spannung, die Distanz zwischen dem Menschen und dem Objekt – dem Gott oder der Erleuchtung oder was auch immer angestrebt wird – so groß wird, dass sie dysfunktional ist. Dies führt zu einer Art von Zusammenbruch, einer Art Revolte. Und Zen ist in seinen Ursprüngen in ausgeprägter Weise eine Rebellion gegen die ins Extreme getriebenen Ausdrucksformen des „Gradualismus, wie es mitunter übersetzt wird. Es ist eine Rückkehr zu der Aussage: „Seht mal, Erleuchtung ist nichts weit Entferntes, keine privilegierte Erfahrung der großen Mönche. Es ist eigentlich genau hier und jetzt.“
Anders ausgedrückt: Es vollzieht sich eine Bewegung von einer Lehre der Transzendenz hin zu einer Lehre der Immanenz, in der Sprache der Theologie ausgedrückt. Gemeint ist, dass alle Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Weisheit und so weiter eigentlich genau hier sind, genau im Herzen unserer eigenen Erfahrung, wenn wir diese Tatsache nur irgendwie erkennen könnten!
Letztes Mal(2) habe ich das Beispiel eines Fisches genannt, der durch den Ozean schwimmt und nach Wasser sucht. Plötzlich realisiert er: Moment mal, das Zeug hier um mich herum, das ist doch nass – ergo ist es Wasser!
Ich bin davon überzeugt, dass es für uns alle in verschiedener Ausprägung solche Momente im Leben gibt; dass wir plötzlich ein „Aha-Erlebnis" haben, eine Art Schock-Erwachen. Auf eine bestimmte, sehr wahre Weise sind Weisheit, Mitgefühl, all diese Dinge, nach denen wir vielleicht streben, Eigenschaften, die wir bereits in uns tragen – vielleicht nicht voll entwickelt und auch nicht unbedingt jederzeit, aber auf eine sehr reale Weise sind sie schon da.

Die Praxis umfasst mehr als technisches Können

Sobald wir dies erkennen – die eigentliche Natur, die eigentliche Beziehung (zu unserem Ziel – ändert sich unsere Praxis. Denn oft ist es bei einer graduellen Auffassung eines Weges so – und ich werde an dieser Stelle nur innerhalb eines buddhistischen Rahmens etwas dazu sagen –, dass eine stufenweise Abfolge von Schritten nahezu ausnahmslos mit der Beherrschung bestimmter meditativer oder spiritueller Techniken assoziiert wird. Wer die Techniken der Meditation beherrscht und sich am besten konzentrieren kann, wer in der Lage ist zu verstehen, was diese Techniken bedeuten, wer fähig ist, zu all diesen verschiedenen Einsichten zu gelangen, ist letztendlich derjenige, der entlang des Weges in der effizientesten Weise fortschreiten kann. Der gesamte Prozess wird in sehr ausgeprägter Weise als das Lösen einer Reihe von Problemen, das Überwinden einer Folge von Hindernissen und – im Fall des Buddhismus – als Geübt-Sein in der Meditation gesehen. Meditation wird zum Motor, der die Praktizierenden von einem Abschnitt zum nächsten treibt.
Dieser Ansatz übt offenbar auf viele Menschen im Westen sehr große Anziehungskraft aus. Ich habe oft in Büchern und Zeitschriften gelesen, dass Befürworter des Buddhismus sich folgendermaßen äußern: „Im Westen haben wir diese wundervollen ...“ – wundervollen! – „ ... diese materiellen Techniken entwickelt, die es uns ermöglichen, die äußere Welt zu beherrschen. Die Buddhisten haben dagegen innere Techniken entwickelt, die ihnen Kontrolle über ihren Geist verleihen.“
Ich halte dies für eine gefährliche Art zu denken. Es suggeriert, dass wir nur in der richtigen Art und Weise an unseren Seelen herumbasteln müssen, um am Ende – zum Beispiel nach einer Reihe von Übungen oder wenn wir genügend Retreats hinter uns gebracht haben oder was auch immer – als weise, liebevoll und erleuchtet daraus hervorzugehen.
Ich glaube nicht, dass es so funktioniert. Es gibt zwar Elemente der Praxis, bei denen das Beherrschen der Technik eine wichtige Rolle spielt, und Konzentration gehört mit Sicherheit dazu. Es ist etwas, das man lernen und in dem man sich verbessern kann. Doch das, was wirklich zählt, nämlich dass ein Mensch weise, freundlich, tolerant und offenherzig ist, das liegt außerhalb der Reichweite technischen Könnens. Ich glaube nicht, dass man lediglich dadurch, dass man eine Folge von Schritten durchläuft, die in einer Anleitung beschrieben werden, am Ende des Tages die Erleuchtung erlangt – als sei die Praxis eine Art Förderband, eine Art Erleuchtungsfabrik, in der man nur dafür sorgen muss, dass kein Schritt ausgelassen, nichts falsch gemacht wird, und am Ende des Tages ist man weise und liebevoll. Ich glaube kaum, dass es so funktioniert.
In der Tat fällt es nicht schwer, sich jemanden vorzustellen, der oder die als Beispiel für eine solche Haltung gelten könnte. Eigentlich haben solche Leute alles richtig gemacht, aber dennoch in gewisser Weise das Entscheidende nicht begriffen. Sie haben viel Übung darin, richtig zu sitzen und sich zu konzentrieren, und ihre Knie tun nicht mehr weh, aber etwas Wesentliches ist ihnen offenbar entgangen. Möglicherweise sind sie in allen Texten sehr versiert, haben alle Feinheiten der buddhistischen Philosophie voll durchschaut und können sehr eloquent und womöglich auch noch überzeugend über all diese Dinge sprechen, doch irgendwie scheint es keinen großen Unterschied auszumachen im Hinblick darauf, wie sie sind – in ihrem Herzen, könnten wir sagen, oder in ihren Beziehungen zu anderen Menschen oder sogar in der Beziehung zu sich selbst.
Und das ist merkwürdig. Man könnte es mit jemandem vergleichen, der ein berühmter Pianist werden will. Natürlich muss er dafür Klavier spielen lernen. Das erfordert häufiges anstrengendes Üben, Tonleitern spielen, Noten lesen, Unterricht nehmen, die Finger richtig bewegen lernen und so weiter. Dennoch heißt all dies noch lange nicht, dass er am Ende des Übens Alfred Brendel (ein berühmter Pianist) sein wird. Oder nehmen Sie jemand anderen, Jimi Hendrix oder wen auch immer, darauf kommt es nicht an, denn der springende Punkt ist: Man kann zwar ein Instrument routiniert beherrschen, doch alles, was man allein damit produziert, ist routiniert klingende Musik. Sie berührt die Menschen nicht. Solche Musik hat nicht dieses gewisse Etwas, das so schwer zu definieren ist. Doch genau das unterscheidet jemanden, der als großer Künstler, als Maestro oder eine vergleichbare Persönlichkeit angesehen wird, von jemandem, der zwar recht gut spielen kann, aber nicht zu der Sorte Musiker gehört, den Sie sich in der Wigmore Hall in London anhören würden.

Plötzliches Erwachen

Wir haben hier einen Anhaltspunkt, was mit plötzlichem Erwachen gemeint ist. Ein plötzliches Erwachen, oder nennen wir es eine plötzliche Annäherung an die Erleuchtung, erkennt an, dass die Kernwerte – Liebe, Weisheit usw. – Eigenschaften sind, die über technisches Geschick oder fachliche Kenntnisse hinausgehen. Man kann sie nicht einfach daran festmachen, wie viele Jahre jemand ein Mönch war oder wie lange er oder sie meditiert hat oder auch daran, wie viel die betreffende Person über buddhistische Philosophie weiß, sondern es sind Eigenschaften, die diese merkwürdige, fast anarchische Natur haben. Sie brechen gewissermaßen aus oder in unser Leben ein, und das tun sie, wie es scheint, ganz und gar zufällig.
Zen hat sich immer auf diesen Punkt konzentriert. Der Zen-Meister stellt seine Schüler üblicherweise nicht vor eine Abfolge von Stufen, die auf einem Pfad eingehalten werden müssen, sondern versucht in jedem Moment, sie zu dem zu erwecken, was sie wirklich sind. Ihre Erleuchtung, ihr Erwachen, ist etwas, das immer vorhanden ist, das sozusagen nur unter der Oberfläche liegt und jederzeit ausbrechen kann. Vor diesem Hintergrund erhält die Praxis einen ganz anderen Sinn.

Wenn Sie hier sitzen, brauchen Sie also nicht das Gefühl zu haben, dass Sie sich auf einen langen, anstrengenden Prozess einlassen, der viele Leben lang dauern wird (obwohl das vielleicht der Fall sein mag), sondern Sie sitzen hier und fragen genau in diesem Augenblick: Was ist das? Sie sind in jedem Moment offen dafür, die Frage zu stellen und dabei mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Sie eine Antwort erhalten könnten. Es hat nichts mit Zeit zu tun.
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