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Alt 06.02.2010, 08:08   die batchelors (martine und stephen) Beitrag #1 (permalink)
bettina Frau
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Lightbulb die batchelors (martine und stephen)

kein buch, sondern eine sammlung von vorträgen - als texte oder mp3 - und zwar von dieser website:

http://www.buddhastiftung.de/frameset_vortraege.html

hier mein persönlich "erster"... klar, einfach, schön = brillant:

Stephen Batchelor

Plötzliches Erwachen

Übersetzung: Claudia Seele-Nyima

Heute Abend möchte ich gerne auf eine andere Vorstellung eingehen, die für den Zen-Buddhismus charakteristisch ist, nämlich die des plötzlichen Erwachens. Sie wird häufig der Vorstellung eines Weges gegenübergestellt, der als eine sukzessive Abfolge von Stufen aufgefasst wird. Diese Stufen führen jeweils zur nächsten und wieder zur nächsten und wieder zur nächsten usw., und am Ende des Weges steht dann die Erleuchtung oder eine Art von Einsicht.

Als Zen in China aufkam – zu jener Zeit, über die wir letztes Mal gesprochen haben(1), um das sechste, siebte Jahrhundert herum –, entwickelte sich auch die Debatte um einen „plötzlichen“ Praxisansatz im Gegensatz zu einem graduellen Ansatz. Auf die lange und komplizierte Geschichte dieser Debatte werde ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, denn ich möchte mich auf die Frage konzentrieren, was überhaupt damit gemeint ist, wenn man von einem plötzlichen Weg als Gegensatz zu einem graduellen Weg spricht.

Den Weg in einzelne Abschnitte aufgliedern

Die Vorstellung eines Weges an sich legt eine Folge von Stufen oder Stadien nahe. Zum Beispiel ist für uns leicht nachvollziehbar, wie eine Reise nach Bristol in Abschnitte aufgegliedert würde. Wir könnten sie nach Belieben aufteilen. Beispielsweise wäre es möglich zu sagen: Zuerst fährt man nach Newton Abbot, dann nach Exeter, dann von Exeter nach Taunton, und von Taunton fährt man weiter nach Bristol. So hätten wir vier Schritte. Und weil der logische Verstand nun einmal so funktioniert, könnte dieser Prozess mehr oder weniger ad infinitum fortgesetzt werden. Wie viele Schritte wären also erforderlich, um nach Newton Abbot zu gelangen? Sie würden vielleicht sagen: Na gut, zuerst würde man nach East Ogwell fahren. – Und wie kommt man nach East Ogwell? – So zergliedern Sie es immer weiter und teilen den Pfad dabei in immer feinere Grade ein.
Und genau das ist im Verlauf der Geschichte des Buddhismus immer wieder geschehen.

Achtfacher Pfad

Der Buddha hat den Achtfachen Pfad seiner gesamten Lehre als eine der wichtigsten Grundlagen bzw. als eine zentrale Vorstellung zugrunde gelegt. Hier haben wir bereits die Vorstellung von einem Weg. Diese Vorstellung impliziert einen Anfang, ein Ende und ein Reisen auf dem Weg – unweigerlich etwas, das eine gewisse Zeit beansprucht. Der Buddha war so hilfreich und hat diesen Weg als eine Abfolge von Stufen entworfen – zumindest entsteht der Eindruck von Stufen. Meines Erachtens ist der Achtfache Pfad eigentlich komplizierter als das. Dennoch ist er sehr zweckmäßig, angesichts unseres zeitgebundenen Bewusstseins und in Anbetracht unserer unvermeidlichen Tendenz, in zeitlichen Dimensionen zu denken und uns vorzustellen, dass die Dinge eine bestimmte Dauer haben – Tage, Wochen, Monate, Jahre. Er kommt unserer Vorstellung entgegen, dass wir, wenn wir bei A anfangen und nach Z gelangen wollen, auf jeden Fall B, C, D, E, F, G, H usw. durchlaufen müssen.
Was also zunächst einfach als eine nützliche Reihe von Leitprinzipien begann – rechte Sicht, rechtes Denken, rechtes Handeln, rechte Rede usw., die sicherlich einer Art linearer Progression folgen –, entwickelte sich mit der Zeit zu einigen äußerst detaillierten Beschreibungen dessen, was erforderlich ist, um von Verblendung zum Erwachen zu gelangen; um sich von hier aus – in anderen Worten: ausgehend von meinem Zustand tiefster Verblendung als fühlendes Wesen, wie die Buddhisten es ausdrücken – weiterzuentwickeln und ein Buddha zu werden. Der Prozess wird eigentlich nur ausgedehnt.

Schattenseite des „Stufenmodells“

Betrachten wir einen Text wie zum Beispiel Lamrim Chenmo von Tsongkhapa, der im 13. Jahrhundert verfasst wurde. Er wird „die große Darlegung des Stufenwegs“ (Stufenweg zur Erleuchtung) genannt. Dieser Text ist 400 oder 500 Seiten lang und gliedert sich in wahrscheinlich Hunderte Phasen und Unterphasen auf.
Dieses Modell war natürlich nützlich. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es auch eine beunruhigende Schattenseite hat, denn mit jeder weiteren Gliederung, Aufteilung und Entwicklung einer solchen Theorie gerät der Mensch in immer größere Entfernung zu dem anzustrebenden Ziel. So gibt es in einigen der indischen Formen des Mahayana-Buddhismus die Vorstellung, es würde drei unermessliche Äonen dauern, bis man in der Lage ist, sich von einem verblendeten Menschen zu einem Buddha zu entwickeln. Wie lang das auch sein mag, es ist offensichtlich ein sehr großer Zeitraum. Und er umfasst viele, viele Leben.
Der Vajrayana ist in gewisser Hinsicht eine Rebellion dagegen. Er spricht darüber, wie dieser Prozess verkürzt werden kann.

Nichtsdestotrotz ist die Tendenz, Dinge in Stadien einzuteilen, weiterhin vorhanden. Als sich die als Vipassana bezeichnete Bewegung in Burma entwickelte, im ausgehenden 19. bzw. beginnenden 20. Jahrhundert, war das zugrunde liegende Modell wieder jenes der Stufen der Einsicht, das von Lehrern wie Maharsi Sayadaw und anderen entwickelt wurde. Und erneut zeichnet sich dieselbe Tendenz ab.
Oder blicken wir zurück zu Buddhagosha, dem Hauptkommentator der Theravada-Schule. Er lebte im fünften Jahrhundert in Sri Lanka und verfasste den Visuddhi-Magga, den „Weg der Reinheit“, wie dieser Text genannt wird. Auch hier sind es mindestens 200 oder 300 Seiten fein aufgegliederter Stadien.

So ein Prozess ist in der Theologie und, wie in diesem Fall, in der Buddhologie anzutreffen. Es ist allem Anschein nach eine Aktivität, die Personen mit einer bestimmten geistigen Veranlagung anzieht, wie eine Gruppe von Mönchen in einem Kloster, die vielleicht nicht viel mehr zu tun haben. Dort gedeiht diese Art von Abhandlungen und Dokumenten.

Eine weitere Schattenseite des Stufenmodells besteht darin, dass es die Grundlage zur Bildung einer Elite schafft. Priester, Mönche, Roshis, Lamas, Ajahns usw. werden zu denjenigen, die Werte wie Erleuchtung, Weisheit und Mitgefühl gewissermaßen verkörpern. Alle anderen hingegen – sozusagen die „Otto-Normalverbraucher-Buddhisten“ – werden in zunehmendem Maße so dargestellt, als läge noch einen höllisch langer Weg zwischen ihnen und den Höhen der Spiritualität. Zu solchen Höhen dringen seltsamerweise immer nur jene vor, die die Macht innehaben und von der Tradition sanktioniert sind; mit anderen Worten: Es ist ein Entfremdungsprozess.

Ludwig Feuerbachs Kritik an der Religion

Dies entspricht im Prinzip der Kritik an der Religion, die wir bei Karl Marx finden. Und Marx wiederum übernahm diesen Denkansatz in Bezug auf Religion von einem Philosophen namens Ludwig Feuerbach (er ist heutzutage wenig bekannt). 1841 verfasste er ein Buch mit dem Titel „Das Wesen des Christentums“, in dem er genau auf diesen Punkt hinweist: Er sieht Religion und die Institutionen religiöser Macht als Systeme der Entfremdung, die die Männer und Frauen dieser Welt – uns – schrittweise von unserer wahren Natur, Liebe, Vernunft und Kraft, entfernen. Diese Eigenschaften – wirklich grundlegende menschliche Eigenschaften, über die jeder von uns verfügt – werden im Fall des Christentums auf Christus und Gott projiziert. Und je mehr die Kirche interveniert, je mehr sie diese Gestalten in immer größere Höhen der Perfektion erhebt, in immer größere Höhen der Allwissenheit und Allmacht und der allumfassenden Liebe, desto mehr ruft dies bei den gewöhnlichen Menschen das Gefühl hervor, unbedeutend, unerfüllt und weit entfernt von diesen Objekten zu sein, die nunmehr nur noch als Objekte der Ehrfurcht und der Verehrung gesehen werden können. Doch die Vorstellung, dass man selbst diese Eigenschaften im eigenen bescheidenen Leben zur Erfüllung bringen könnte – das ist wirklich etwas ganz Unvorstellbares!

Gegenbewegung: von einer Lehre der Transzendenz zu einer Lehre der Immanenz

Und so finden wir sowohl im Christentum als auch im Buddhismus einen ähnlichen Prozess am Werk, einen Prozess, in dessen Verlauf eine privilegierte Kloster- oder Priesterelite, die fast ausnahmslos mit einer säkularen Form von Herrschaft oder Macht verbunden ist, allmählich für sich selbst all diese Eigenschaften beansprucht. Im Fall des Buddhismus können gewöhnliche Laien bestenfalls für ein besseres nächstes Leben beten und darauf hoffen, dass sie, wenn sie Glück haben, als Mönch wiedergeboren werden.
In vielen buddhistischen Texten heißt es, eine Frau könne lediglich darauf hoffen, als Mann wiedergeboren zu werden. Und in einem christlichen Kontext ist die Möglichkeit jedweder Art von wirklichem Wohlbefinden oder echter Erfüllung in diesem Leben eigentlich nur ein hoffnungsloser Traum; die eigene Energie und der eigene Glauben müssen vielmehr darauf ausgerichtet werden, solche Erfüllung nach dem Tod zu finden.

Geändert von bettina (06.02.2010 um 08:12 Uhr)
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