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Alt 04.10.2004, 15:55   Dialektik zerstört Erkenntnisgeburten Beitrag #1 (permalink)
Gast36
Guest
 
Registriert seit: 29.06.2004
Beiträge: 0
Standard Dialektik zerstört Erkenntnisgeburten

Dialektik zerstört Erkenntnisgeburten

Ich habe mir mal Gedanken gemacht, warum gewisse Argumentationstechniken in Diskussionsforen wie diesem hier oft sehr störend wirken. Ich bin dabei auf den Begriff der "Dialektik" gestoßen.

"Dialektik" kommt aus dem griechischen ("dialektike techne") und bedeutet "Gesprächskunst". Diese Kunst kann derartig perfektioniert werden, dass jeder noch so tollen Idee der Wind aus den Segeln genommen werden kann, noch bevor sie überhaupt Wasser gesehen hat.

Die Geschichte der Dialektik

Die Sophisten (altgriechische Philosophen) waren große Künstler der Dialektik. Sie beherrschten es, jede beliebige Meinung mit geschickten Wortspielen zu "beweisen" (das nennt man "Eristik"). Klingt irgendwie nach Esoterik , aber egal, mal weiter im Text ...

Für Platon, einem bekennenden Gegner der Sophisten, war die Dialektik eine Methode, Positionen zu problematisieren und durch die Bewegung des Gesprächs (Frage-Antwort) den Widerstreit der Meinungen zu überwinden. Er sah darin einen Weg, durch Untersuchung der Struktur der Wirklichkeit wahre Erkenntnis zu gewinnen.

Aristoteles sah in der Dialektik ein Instrument der Logik. Dadurch stellte sich später das Problem des Verhältnisses von Dialektik und Logik. In der scholastischen Philosophie des Mittelalters tendierte man dahin, beides getrennt zu identifizieren, die Dialektik UND die Logik.

Die Unterscheidung zwischen Logik (Analytik) und Dialektik griff Kant dann 1781 wieder auf in seiner "Kritik der reinen Vernunft". Aber im Gegensatz zu Aristoteles (und Platon) betrachtete er die Dialektik als "Logik des Scheins", d. h. als "Blendwerk". Thema der kantschen Dialektik waren erklärbare, aber nicht auflösbare Widersprüche.

Kant sagte, dass wenn ein Vernunftbegriff (z.B. "die Welt") über die Grenzen möglicher Erfahrung hinaus zur Anwendung gelangt, ein sogenannter "transzendentale Schein" entsteht, indem versucht wird, über das jenseits der Erfahrung Liegende Aussagen zu treffen. Das führt seiner Meinung nach zu Selbstwidersprüchen (Antinomien). So kann man etwa sowohl die Behauptung (Thesis) "beweisen", daß die Welt in Raum und Zeit einen Anfang hat, wie auch ihre Gegenbehauptung (Antithesis), daß die Welt in Raum und Zeit keinen Anfang hat.

Aufgabe der transzendentalen Dialektik ist es, solche Täuschung aufzudecken. Denn die menschliche Vernunft besitzt eine natürliche Neigung, sich darin zu verwickeln, weil sie nach der Erkenntnis unbedingter (absoluter) Einheit als Grundlage aller ihrer Erfahrungen strebt.

Kants Kritik der Dialektik der Vernunft bleibt bei dem Nachweis stehen, daß eine Reihe von Thesen und Antithesen gleichermaßen bewiesen werden kann, wenn die Vernunft die Grenzen des Erfahrbaren überschreitet. Die Möglichkeit einer Versöhnung - einer Synthese - der widerstreitenden Behauptungen gibt es für Kant (im Gegensatz zu Platon) nicht.

Fichte (ein deutscher Philosoph) dagegen sprach später von einem "synthetischen Verfahren", welches die Vereinigung der Gegensätze in einem Dritten zum Zweck hat. Zu mehr als einer Methode wird die "Triade" (Dreiheit) von These-Antithese-Synthese beim jungen Schelling. Er behauptet, daß diese Dreiheit der Entwicklung in Natur und Geschichte entspricht.

Hegel wiederum lehnte dann 1807 die Triade von These-Antithese Synthese ab; es sei ein bloß "äußerliches lebloses Schema". Statt dessen suchte Hegel einen neuen Begriff der Dialektik zu entwickeln. Dazu geht er auf Platon zurück und betont, die Dialektik sei keineswegs bloße Scheinlogik, wie Kant glaubte. Zwar stimmt er Kant insofern zu, als dialektisches Denken der Vernunft entspringt; aber die von Kant für endgültig erklärten Vernunftwidersprüche lassen sich nach Hegel sehr wohl aufheben, und zwar in der spekulativen Dialektik.

Nach Hegel müssen die Unterschiede und Zusammenhänge, von denen nicht gedacht werden kann, daß sie anders sind, notwendige Grundzüge der Sache selbst, der Wirklichkeit, sein. Eine solche Folge von vernünftigen notwendigen Unterschieden und Zusammenhängen bezeichnet Hegel gern als dialektische Bewegung, Prozeß oder Werden, ob diese Folge nun einen zeitlichen Verlauf hat oder nicht.

Die Wirklichkeit insgesamt ist durch Unterschiede und Zusammenhänge strukturiert, und die spekulative Dialektik weist nach, wie sich solche Unterschiede und Zusammenhänge auseinander entwickeln. Durch den Gebrauch der Vernunft suchen wir die notwendigen Strukturen der Wirklichkeit zu begreifen; und die spekulative Dialektik läßt uns erkennen, daß unsere ersten, vorläufigen Begriffe von der Wirklichkeit zu derem widerspruchsfreien Begreifen keineswegs ausreichen. Dadurch werden wir zur Einsicht in neue und umfassendere Unterschiede und Zusammenhänge gebracht.

Ebenso wie Hegel ging Schleiermacher in den Vorlesungen aus den 1820er Jahren auf Platon zurück. Anders als Hegel betont er aber, daß Dialektik zunächst eine Theorie über Gesprächssituationen ist, also eine Kommunikationstheorie. Ihr Ziel besteht in der Überwindung der widerstreitenden Meinungen bei den Diskussionsteilnehmern.

Allerdings hatte Schleiermachers Begriff von Dialektik auf die spätere Entwicklung kaum Einfluß. Im weiteren 19. und im 20. Jh. spielt die Frage, was Dialektik sei, bei den unterschiedlichsten Philosophen eine Rolle: bei Kierkegaard, Marx, Engels, Sartre, Merleau-Ponty und Adorno. Die Überlegungen nehmen ihren Ausgangspunkt jeweils bei Hegel; doch wird dessen Dialektik-Begriff durchweg abgewandelt oder gar verworfen.

Persönliches Fazit

Die Sprache wird mit der Beherrschung der Dialektik zu einer Waffe, mit der jede Form von aufkeimender, transzendentaler Erkenntnis niedergeschmettert werden kann, noch bevor sich in der Diskussionsrunde eine Bereitschaft herauskristallisiert, diese Erkenntnis genauer zu betrachten. Jeder, der sich auf der Suche nach Wahrheit macht, wird schnell zermürbt, wenn er seine Erkenntnisse in eine Höhle von dialektisch begabten Löwen trägt, die ihr eigenes, fest definiertes Weltbild haben und mit Löwenkräften verteidigen. Er wird dann wieder resigniert weiterziehen, ggf. sogar mit psychischen Verletzungen von den dialektischen Löwenbissen.

Ich wünsche mir, dass die dialektisch begabten Löwen unter den Wahrheitshütern und die meist sensiblen Schafe der Wahrheitssucher sich irgendwann friedlich vereinen und gemeinsam über die Vielfältigkeit des Universums staunen.

Gruß
Arjuna

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