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Ashtavakra's Gesänge
ERSTER GESANG
JANAKA SPRACH
Wie erlangt sich Erkenntnis: Wie wird Erlösung?
Und wie wird Verlangenslosigkeit erreicht? -
Das sage mir 0 Herr!
ASHTAVAKRA SPRACH
Verlangst du nach Erlösung, Kind,
So fliehe die Sinnenwelt wie Gift.
Langmut und Geradheit,
Erbarmen, Heiterkeit, Wahrhaftigkeit
Nimm an wie Milch der Kuh, die frisch gekalbt hat.
Nicht Erde, nicht Wasser, nicht Feuer, nicht Wind,
Noch auch der Himmelsraum bist du Freund!
Wisse, dein Wesen ist aus Geist geformt
Und schaut diesem Allem unbeteiligt zu -
Dann wirst du dich erlösen.
Wenn du den Leib beiseite läßt
Und findest ruhevoll im Geiste deinen Stand,
Wirst du beseligt sein,
Friedevoll, von Banden erlöst.
Keinem Stande gehörst du an:
Nicht Brahmanen noch anderen und keiner Lebensordnung.
In keines Auges Sichtkreis trittst du ein,
Ohne Berührung bist du, ohne Form, -
Allem zuschauend sei beseligt!
Recht und Unrecht, Lust und Leid,
Was den Sinn bewegt, ist nicht in dir, 0 Herr!
Du handelst nicht, es geschieht dir nichts -
Erlöst bist du in Ewigkeit.
Einsam Schauender des Alls bist du,
Wesenhaft erlöst in Ewigkeit.
Denn das Ich ist deine Fessel:
Im Schauenden siehst du einen anderen.
»Ich handle« - dieser Wahn vergiftet dich
Wie großer schwarzer Schlange Biß.
»Ich bin es nicht, der handelt« -
Trink dieses Glaubens Göttertrank »Todlos« -
Und sei beseligt.
»Alleinsamer, zur Wahrheit rein Erwachender bin ich« -
Mit dem Feuer dieser Entscheidung
Verbrenne du den Urwald des Nichterkennens -
Und sei kummerlos beseligt.
Du, der trugvoll umgewandelt scheint zum All,
Wie ein Strick Schlange scheint, -
Höchstes Glück aller Glückseligkeit,
Erwacher zur Wahrheit bist du, -
Wandle beseligt dahin!
In Banden ist, wer sich gebunden meint,
Wer sich erlöst meint ist erlöst. Was sagen sie, wenn das so ist,
»Wie die Neigung, so Schicksals Richtung?«
Das Selbst ist zuschauend, ewig, allausfüllend-alleinsam,
Frei, geist- und tatenlos, berührungslos, verlangenslos,
Friedevoll allem Wirbel entrückt,
Nur gleichsam dem ziellosen Lebensstrome preisgegeben.
Betrachte dein Selbst:
Reglos auf höchstem Gipfel steht es
Zur Wahrheit erwacht. Nichts Zweites neben ihm.
»Ich ist Schein« -
So löse dich aus dem Wirbel,
Dem äußeren und inneren.
Lange bist du gebunden, Kind, mit der Schlange:
Dem Wahn des Leibes.
Mit dem Schwert der Erkenntnis:
»Erwacher zur Wahrheit bin ich«
Zerschneide sie und sei beseligt.
Berührungslos, tatenlos bist du,
Licht, das sich selbst erhellt, aller Trübung bar.
Deine Bindung bleibt bestehen,
Wo deine Vereinfältigung halt macht.
Von dir ist alles dies erfüllt,
In dich ist es in Wahrheit eingesenkt.
Reine Erleuchtung ist dein Wesen,
Versinke nicht in kleinlichem Denken.
Furcht- und hoffnungslos, wandellos, lastlos,
Das Herz voll Kühlung, unerlotbaren Geistes
Sei unbewegt: Gefäß von Geist allein.
Formhaft, wisse, ist der Trug,
Formfrei aber das Gewisse.
Nicht entstehen neue Leben
Wem diese Wahrheit gewiesen wird.
Wie bei einer Gestalt im Spiegel
In ihrem Innern Spiegel ist und rings um sie herum,
So ist der höchste Gott in diesem deinem Leibe
Und rings um ihn herum.
Einig und allerwärts sich breitend ist Himmelsluft -
Im Inneren eines Gefäßes wie außen umher:
So ist das ewige Brahman
Ohne Riß mit sich eins in aller Wesen Schar.
ZWEITER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Oh ohne Trübung bin ich, ruhevoll,
Erwacher zur Wahrheit,
Bin der andere zum ewigen Urstoff der Welt.
So lange Zeit war ich durch eitel Verblendung betört.
Wie ich alleinsam diesen Leib erhelle und entfalte:
So die ganze Welt.
Hier aus mir kommt die ganze Welt, - oder nichts.
Dieses Ich,
Dem Leibe, - oh dem All sich entziehend,
Wird nun von mir dank glücklicher Einsicht
von irgendwoher
Als allerhöchstes Selbst erschaut.
Wie Wellen, Schaum und Blasen
Nicht von der Flut geschieden sind,
Ist auch vom Selbst das All nicht unterschieden,
Das aus dem Selbst hervorging.
Wie ein Gewand, wenn man's betrachtet,
Nichts als Fäden ist,
So ist das All - betrachtet - nichts als Selbst.
Wie im Safte des Zuckerrohrs
Zuckerkristall sich bildet und ganz vom Safte erfüllt ist,
So ist das All in mir gebildet, ganz und gar von mir erfüllt.
Aus dem Nichterkennen des Selbst
Erhebt sich der Schein der Welt,
Aus dem Erkennen des Selbst erhebt sich kein Schein.
Aus dem Nichterkennen des Stricks
Erhebt sich der Schein, es sei eine Schlange,
Aus seinem Erkennen erhebt sich kein Schein.
Erhellung ist mein eingeborenes Wesen,
Nicht bin ich davon verschieden.
Hellt sich das All auf,
Dann ist das der Lichtschein des Ich.
Oh verstellt erscheint Alles in mir durch Nichterkennen:
Silber wo Perlmutter ist, Schlange wo Strick,
Wasser wo Luftspiegelung von Sonnenstrahlen.
Von mir ging dieses Alles aus,
In mir löst es sich wieder auf,
Wie ein Topf aus ungebranntem Lehm sich wieder
In Erde auflöst, wie Welle in Wasser, wie ein Armring in Gold.
Oh ich - Anbetung mir! für den es kein Vergehen gibt.
Der bestehen bleibt,
Wenn auch vom höchsten Brahma bis zum letzten Grashalm
Alles Wesen der Welt vergeht.
Oh ich - Anbetung mir! alleinsam bin ich.
Zwar körperhaft, doch ist nichts, wohin ich ginge,
Auch nichts, wohin ich nicht ginge
Alles erfüllend stehe ich ruhig.
Oh ich - Anbetung mir!
Keiner gleicht mir an Geschicklichkeit,
der Ohne mit dem Leibe zu berühren
Das All trägt.
Oh ich - Anbetung mir!
Ich habe nichts und habe doch alles,
Was im Reich von Geist und Sprache lebt.
Erkennen, Erkennbares, Erkenner:
Diese Drei ist nicht wesenhaft.
In mir entfaltet sich ihr Schein dank Nichterkennen,
Und ich bin's, der ohne Trübung ist.
Zweiheit, ach! ist Wurzel des Leidens.
Einziges Heilmittel dafür ist:
»Alles Sichtbare hier ist trugvoll. Wer bin ich?
Seiend, geistig, fleckenlose Essenz.«
Allein Erwacher zur Wahrheit ich
Aus Nichterkennen schuf ich mir eine Hülle.
Wenn ich's so betaste, ich mein Stand
Ewig im Wandellosen.
Nicht Bindung noch Erlösung gibt es für mich,
Der grundlose Wirbel ist zur Ruhe gekommen.
Oh in mir steht das All,
Und steht in Wahrheit nicht in mir.
Samt meinem Leibe ist das All - nichts, das ist gewiß.
Reiner Geist allein ist mein Selbst.
Worüber ließe sich da noch denken?
Leib, Himmel und Hölle,
Bindung und Lösung und Furcht: Einbildung ist alles.
Was gehen sie mich an? - mein Selbst ist Geist.
Oh wenn ich auch in Menschenmenge keine Zweiheit sehe,
Wenn's wie leere Wildnis um mich geworden ist,
Woran sollte ich meine Lust hängen?
Nicht bin ich Leib, nicht hab ich Leib,
Nicht bin ich Lebensfunke.
Denn ich bin Geist. Das band mich,
Daß ich verlangend am Leben hing.
Oh mit bunten Wogen von Wesen
Jählings erhob sich in mir, dem unendlichen Weltmeer,
Als der Wind des Geistigen aufstand, -
In mir, dem unendlichen Weltmeer,
Wenn der Wind des Geistigen zur Ruhe sich legt,
Versinkt unselig das Schiff der Welt
Samt seinem Kauffahrer, dem Lebensfunken.
In mir, dem unendlichen Weltmeer, o wunderbar!
Steigen die Wellen der Lebensfunken auf,
Brechen sich, spielen und gehen in mich ein,
Wie sie ihr Wesen heißt.
DRITTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Unvergänglich erkennst du dein Wesen,
Alleinsam in Wahrheit.
Wie käme dir dem Wesenskenner
Dem Weisen Lust am Gewinn von Dingen?
Vom Nicht -Wissen um das Wesen ach!
Stammt Liebe zur Sinnenwelt, die im Wirbel des Wahnes lebt,
Wie vom Nichtwissen und Perlmutter Verlangen stammt,
Im Wahne, es sei Silber.
Worin dieses Alles sprüht, wie Wogen im Weltmeer:
Das bin ich,
Wenn du das erkannt hast,
Was läufst du dann wie ein Elender?
Wiewohl er vernahm, daß reiner Geist sein Wesen sei
Überlieblich, gerät er in Unreinigkeit,
Dem Schoße ganz verfallen.
In allen Geschöpfen sein eigen Wesen
Und alle Geschöpfe im eigenen Wesen erkennend
Bewegt sich der Heilige - Rätsel! -Im »Mein«-sein.
Im höchsten Zweitlosen nimmt er seinen Stand,
Im Sinn der Erlösung findet er Halt,
Und - Rätsel! - gerät in die Gewalt sinnfroher Wünsche
Mangelvoll in der Lehre der Lust.
Den sichtbaren Feind der Erkenntnis klar erschauend
Gibt sich der Allzuschwache - Rätsel! - den Wünschen hin,
Dem Dunklen beider Pole zugewandt.
Wunschlos nach diesem wie anderem Leben,
Ewiges und Unewiges unterscheidend,
Empfindet der Erlösung Verlangende - Rätsel! -
Vor Erlösung Furcht.
Aber der Weise, ob er gespeist wird, ob er gequält wird,
Allerwärts sieht er allein sein eigenes Wesen
Und fühlt nicht Freude noch Zorn.
Den eigenen Leib, der sich bewegt,
Betrachtet er wie eines anderen Leib,
Wie sollte der Großgemute
Bei Preis oder Schmähung sich erregen?
Als Maya allein sieht er dieses Alles an verlangenslos.
Wie sollte er weisen Geistes erzittern,
Auch wenn der Tod nahe ist?
Weß Sinn frei von Begier ist,
Wer großen Wesens jenseits alles Hoffens ist,
Wie erstünde, was ihm waagehielte,
Der am Wissen um das Wesen Genügen hat.
Wer aus sich selbst weiß: dieses Sichtbare ist nichts,
Was sollte der weisen Sinnes betrachten:
»Dies will ich ergreifen, dies entgleiten lassen?«
Wer alles Fleckende aus seinem Inneren tat,
Aller Zweiheit ledig, des Hoffens bar,
Was ihm Gelegenheit zuträgt,
Gerät ihm nicht zu Leide, nicht zur Freude.
VIERTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Wohlan: wer weise das Selbst erkannte
Und dem Scheinspiel der Sinnenfreuden spielend sich hingibt,
Was ist ihm gemein mit den Wahnbefangenen,
Die der endlose Strom der Geburten dahintreibt?
Die Stätte,
Nach der Armselige wie Schakra, der Götterkönig,
Und alle Gottheiten verlangen,
Oh, wenn der Yogin sie betritt,
Überfällt ihn kein Freudenschauer.
Wer solches weiß,
Bleibt im Inneren von Heiligem und Bösem unberührt,
Denn nicht verschmilzt die reine Bläue mit Rauch,
Scheint es gleich dem Auge so.
Wer großen Wesens erkannte:
Mein Wesen ist diese ganze Welt,
Wer vermöchte dem zu wehren, wenn er sich bewegt
Wie Lust ihn ankommt.
Denn bei allen vier Arten Geschöpfen:
Göttern und Menschen, Tieren und Pflanzen,
Vom höchsten Gotte Brahma bis zum Grashalm herab
Hat wer die Wahrheit erkannte Gewalt,
Ihren Willen und Unwillen von sich zu streifen.
Wer weiß, daß sein eigenes Wesen
Ohne ein zweites ist und Herr aller Welt,
Was er weiß vollbringt er bei sich
Und nirgendwoher droht ihm Furcht.
FÜNFTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Von nirgendwoher tastet's dich an.
Was verlangst du Reiner abzustreifen?
Zerschmilz die Vielheit der Welt,
So geh zum Verschmelzen.
Aus dir steigt alles auf wie Blasen aus der See:
So erkenne dein Wesen als alleinsam,
So geh zum Verschmelzen.
Ob es gleich vor Augen steht, ist Alles
Weil ohne Wesen - nicht in dir, dem Fleckenlosen.
Entfaltet ist es wie der Anschein der Schlange am Strick,
So geh zum Verschmelzen.
Leid und Lust sind dir gleich: du bist der Ganze.
Gleich in Hoffnung und Hoffnungslosigkeit,
Gleich sind dir Tod und Leben,
So geh zum Verschmelzen.
SECHSTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
»Ich bin unendlich wie der Raum.
Wie ein Gefäß, das er innen und außen umgibt,
Ist die stoffgebildete Welt«
Das ist Erkenntnis.
Wer solches weiß, bei dem ist nicht Verzichten,
Nicht Ergreifen. Ist Verschmelzen.
»Ich bin dem großen Weltmeer gleich,
Die Welt hier wogengleich«
Das ist Erkenntnis.
Wer solches weiß, bei dem ist nicht Verzichten,
Nicht Ergreifen. Ist Verschmelzen.
»Ich gleiche dem Perlmutter,
Wie Silber ist der Wahn vom All«
Das ist Erkenntnis.
Wer solches weiß, bei dem ist nicht Verzichten,
Nicht Ergreifen. Ist Verschmelzen.
»Ich bin in allen Wesen
Und alle Wesen auch in mir«
Das ist Erkenntnis.
Wer solches weiß, bei dem ist nicht Verzichten,
Nicht Ergreifen. Ist Verschmelzen.
SIEBENTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
In mir, dem endlosen Weltmeer,
Treibt das Schiff des Alls hierhin und dorthin
Unterm Winde der Gedanken,
Ich bin ohne Ungeduld.
In mir, dem endlosen Weltmeer,
Mag die Welle der Welt ihrem Wesen gemäß
Steigen oder fallen,
Das macht mich nicht wachsen und nimmt mir nichts weg.
In mir, dem endlosen Weltmeer,
Ist Wahnvorstellung: ihr Name ist »All«.
Überfriedvoll gestaltlos bin ich, -Das ist es, darin ich weile.
»In den Formen des Werdens ist nicht Wesen,
Auch nicht Werden in Ihm, dem Endlosen Ungetrübten«
So bin ich unangetastet verlangenslos friedevoll,
Das ist es darin ich weile.
Oh, Geist allein bin ich.
Einem Gaukelspiel vergleichbar ist die Welt.
Warum, woher käme mir da der Wahn,
Eines abzustreifen, ein anderes zu ergreifen?
ACHTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Dann ist Bindung, wenn der Geist
Etwas verlangt oder beklagt, etwas aufgibt oder ergreift,
Etwas schlägt oder ergrimmt.
Dann ist Lösung, wenn der Geist
Nichts verlangt oder beklagt, nichts aufgibt oder ergreift,
Nichts schlägt oder ergrimmt.
Dann ist Bindung, wenn der Geist
An irgendwelchen Ansichten hängt. Dann ist Lösung,
Wenn der Geist an keinerlei Ansichten hängt.
Wenn kein Ich ist, dann ist Lösung,
Wenn ein Ich ist, dann ist Bindung,
Denke so, und spielend glückt es:
Greife nichts und laß nichts los.
NEUNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Getan und Ungetan
Und alle Paare, die sich widerstreiten,
Wann kommen sie wem zur Ruh?
Erkenne das und übersatt daran sei ganz Aufgeben,
Frommem Vorsatz, frommer Übung ganz entrückt.
Vor dem Schauen, wie sich die Welt gebart,
Gingen manchem Glücklichen der Wunsch zu leben
Und Trieb zu schmecken und Trieb zu sein in Ruhe ein.
Unbeständig ist Alles das hier,
Verdorben von dreifacher(1) Schmerzensglut,
Wesenlos, verwerflich, hinfahrenswert,
Wer so entscheidet kommt zur Ruhe.
Was ist die Zeit hier oder was ist Lebenskraft,
Wo Paare im Menschen widerstreiten?
Wer gleichmütig über sie hinblickt
Und sie nimmt, wie sie kommen,
Kann Vollendung erlangen.
Vielfältig ist,
Was große Seher, Heilige und Yogin meinen.
Schauend von Übersättigung befallen
Welcher Mensch käme nicht zur Ruhe?
Wer rings den Leib erkannte,
Ist er nicht auch Lehrer über das Geistige,
Er, der durch Gebrauch von Gleichgültigkeit und Gleichmut
Aus dem endlosen Strome der Lehen hinausführt?
Sieh, wie alle gewordenen Wesen
Werdend entwerdend sich wandeln,
Geworden nur sind sie in Wahrheit,
Dann wirst du im Augenblick von Banden frei
Und stehst in deiner eigenen Form.
Ein Hauch von Früherem, der dich durchtränkt,
Ist der ziellose Strom der Geburten.
Laß alles, was dich von früher her durchtränkt, fahren,
Gib auf, was von früher her an dir hängt,
Und du gibst den ziellosen Strom der Geburten auf.
Und stehst in Ruhe unverrückbar.
(1) Schmerzen, die aus dem eigenen Wesen, von anderen Wesen und
von Göttern (vom Schicksal) herkommen.
ZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Begib dich feindseligen Sinnenglücks
Und des Gewinns, von Ungewinn erfüllt,
Auch rechten Wandels, Ursprungs dieser beiden.
Mach ein Ende mit allem, was schirmt und umfängt.
Wie ein vom Traum dir umgaukeltes Netz
Betrachte drei oder fünf Tage lang
Freund und Feld, Gut und Haus, Weib und Erbe
Und was sonst dir zufiel.
Wo immer wo Durst ist, - wisse
Da ist der endlose Strom der Geburten.
Ausgereifte Wunschlosigkeit pflege -
Frei vom Durste sei selig.
Durst allein ist Wesen der Bindung.
Sein Vergehen heißt Erlösung.
Nicht am Werden Hängen gibt allein wieder und wieder
Glück erlangten Ziels.
Du bist alleinsam, Geist und rein.
Stumpf ist das All, nicht-seiend.
Auch dein Nichtwissen ist nichts,
Welche Erkennenslust bewegt dich trotzdem?
Königsmacht, Söhne und Frauen, Leiber und Glücke
Gehen dir, auch wenn du an ihnen hängst,
Leben um Leben verloren.
Genug mit Gewinn und Sinnenglück
Und auch mit fromm geübtem Tun.
An ihnen fand der Sinn keine Ruhe
Im wilden Walde immer neuen Lebens und Sterbens.
Wie viele Geburten lang hast du nicht
Mit Leib, Sinn und Rede schweres ermüdendes Werk gewirkt,
Darum halte nun endlich ein.
ELFTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
»Werdens und Entwerdens Wandelspiel
Kommt aus des Werdens Eigenwesen«
Wer so urteilt kommt wandellos,
Frei von Flecken in Seligkeit zur Ruhe.
»Der Weltdurchwaltende Gott,
Der alles ermessend hervorbringt, - kein anderer ist hier«
Wer so urteilt dem fällt alles Hoffen und Wünschen dahin,
Friedevoll haftet er nirgends.
»Fall des Glücks und Fülle des Glücks
Kommen zu ihrer Zeit vom Schicksal her«
Wer so urteilt ist satt, mit Sinnen, die in sich ruhen,
Immerdar verlangt er nicht, beklagt er nicht.
»Glück und Leid, Geburt und Tod
Kommen vom Schicksal her«
Wer so urteilt sieht nichts, was zu vollbringen wäre.
Sich-Mühens bar, auch wenn er handelt,
Klebt ihm nichts an.
»Aus Denken entsteht Leiden, nicht anderswie hier«
Wer so urteilt ist - des Denkens ledig
Selig friedevoll, allerwärts fiel Verlangen von ihm ab.
»Nicht bin ich Leib, nicht hab ich Leib,
Erwacher zur Wahrheit bin ich«
Wer so urteilt hat gleichsam losgelösten Stand erreicht,
An Getanes und Ungetanes denkt er nicht mehr.
»Von Brahma bis zum Grashalm - das bin ich allein« -
Wer so urteilt ist des Wahnes bar, rein und friedevoll,
Ist zu Ende für Erlangtes und Nichterlangtes.
»Dieses All - vielerlei Wunder voll
Ist nicht irgenderlei« - wer so urteilt
Den tränkt kein Hauch von Früherem her,
Ein bloßes Flimmern geht er wie ein Nichts in Ruhe ein.
ZWÖLFTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Werk des Leibes ertrug ich nicht, - das war der Anfang.
Danach ertrug ich nicht Ausbreitung der Rede,
Dann ertrug ich Denken nicht,
Daher kam mir solcher Stand, in dem ich stehe.
Weil mir nicht Liebe wird zu Schall und anderen Sinnendingen,
Und weil das Wesen nicht schaubar ist,
Ist mein Herz Verstreuung und Sammlung in eine Spitze,
Solches ist der Stand, in dem ich stehe.
Sammlung, in Yoga Sitzen und andere Übung
Ist im Bereiche der Verstreuung,
Welttreiben dient der Sammlung,
Als ich auf solche Regel mein Auge richtete,
Ward solches der Stand, in dem ich stehe.
Weil mir fern war, was aufzugeben oder zu ergreifen sei,
Weil nicht Freude noch Kleinmut in mir ward, o Brahmane,
Ist solches jetzt der Stand, in dem ich stehe.
Weil ich mir unter Lebensordnungen und Enthobensein aus ihnen,
Unter Festhalten innerer Schau
Und Aufgeben von allem, was der Geist sich zugeeignet hat,
Freie Wahl vor Augen hielt,
Ward solches der Stand, in dem ich stehe.
Wie Verrichtung von Werken aus Nichterkennen kommt,
Geradeso auch das Aufhören mit Werken,
Weil ich dieses Wirkliche recht begriffen hatte,
Ward solches der Stand, in dem ich stehe.
Auch wer das Undenkbare denkt
Hat teil an der Form des Denkens.
Ich gab auf, das Undenkbare in mir werden zu lassen,
Daher kam mir solcher Stand, in dem ich stehe.
Wer solches vollbrachte, hat wohl »sein Sach vollbracht«,
Wer eben so in seinem Eigenwesen ist,
Hat wohl »sein Sach vollbracht«.
DREIZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Nicht-irgend-etwas-Sein, fester Stand in sich selbst
Sind auch im Lendenschurz des nackten Asketen schwer zu erlangen.
Aufgeben und Annehmen ließ ich hinter mir
Und weile wie es mir wohl ist.
Irgendwo ist Schmerz des Leibes,
Irgendwo schmerzt es die Zunge,
Irgendwo auch den Sinn, - das gab ich auf.
Fest stehend im Ziel des Menschen ist mir wohl.
Etwas Getanes gibt es nicht,
So bedenke ich der Wahrheit gemäß.
Wie etwas auf mich zukommt, um getan zu werden,
Tu ich's und weile wie es mir wohl ist.
Die Zustände: Tat, Tatlosigkeit, Vorsatz
Eignen dem Yogin, der im Leibe haftet.
Berührung und Unberührtheit gab ich auf
Und weile wie es mir wohl ist.
Gewinn und Ungewinn sind nicht bei mir
Im Stehen noch im Gehen oder Ruhen.
Stehend, gehend, schlummernd weile ich darum
Wie es mir wohl ist.
Schlafe ich, gibt es bei mir kein Verlieren,
Gewinnen auch nicht, mühe ich mich.
Unglück und Aufschwung ließ ich hinter mir
Und weile wie es mir wohl ist.
Glück und andere Formen des Unbestands
In Arten des Werdens vielfältig erschauend
Ließ ich Schön und Unschön hinter mir,
Darum weile ich, wie es mir wohl ist.
VIERZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Wer - in seinem Urstoffe leeren Geistes -
Aus Betörung Werdeformen in seinem Geiste werden läßt,
Ist wie einer, der träumte und erwacht,
Wenn der endlose Strom der Geburten ihm versiegt:
Wo sind Güter? wo Freundschaftsbande?
Wo die Räuber: die Sinnendinge?
Wo gültige Lehre?
Und wo Erkenntnis? - wenn mein Verlangen dahinfiel?
Erkenne ich mein Urwesen als zuschauendes Auge,
Erkenne ich mein höchstes Selbst und mich als göttlichen Herrn,
In Wunsch- und Hoffenslosigkeit vor Bindung und Erlösung
Ist kein Sorgen in mir um Erlösung.
Wer innen von Erwägen leer
Außen hinwandelt, wie es ihn ankommt,
Erkennt die Fäden des Schicksals aller Art
Schicksal gleichsam für einen Wirrgewordenen
Als das was sie sind.
FÜNFZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Dank wahrer Belehrung erreicht das Ziel
Weß Geist voll lichter Klarheit ist. Ein anderer,
Auch wenn ihn sein Leben lang nach Erkenntnis lüstet,
Wird hier nur irre.
Erlösung ist: keinen Geschmack an den Dingen finden,
Bindung ist Geschmack an den Dingen,
So weit nur übe scheidendes Erkennen,
Wenn dich danach verlangt.
Redefrohe Weise und mächtig Ringende
Wandelt Erwachen zur Wahrheit in Stumme,
Toren und Müßig -Träge,
Darum flieht davor, wen's die Dinge zu schmecken verlangt.
Nicht bist du Leib, nicht hast du Leib
Schmeckender bist du nicht noch Tuender.
Geist deiner Form nach bist du ewig zuschauend
Teilnahmslos zieh dahin in Seligkeit.
Liebe und Haß sind Haltungen des Sinns,
Sinn ist nirgendwann in dir.
Erwägens bar bist du, Erwachen zur Wahrheit ist dein Wesen,
Wandlungslos zieh dahin in Seligkeit.
In allen Werdewesen dein eigen Selbst
Und alle Werdewesen in deinem Selbst erkennend,
Bar der Ich-sucht, bar der Meinheit sei beseligt.
Worin dieses All erzitternd webt wie Wellen im Meer,
Das bist du allein: da ist kein Zweifel.
Du Geistgestalt sei frei von Fieber.
Glaube, Lieber, glaube es, treibe keinen Wahn damit:
Wahrheits-Erkennen ist deine Eigenform, Erhabener,
»Wesen« bist du, jenseits des Stoffs der Welt.
Mit unterschiedlich entfalteten Kräften rings umwunden
steht der Leib, kommt und geht.
Das Selbst geht nicht und kommt nicht,
Was trauerst du ihm nach?
Daure der Leib bis an Weltalters Ende,
Ginge er auch jetzt flugs wieder von hinnen,
Was wüchse dir zu? oder was nähme es dir weg?
Dessen Form Geist allein ist?
In dir, dem endlosen Weltmeer,
Mag die Welle All ihrem Werden gemäß steigen oder fallen:
Das macht dich nicht wachsen, das nimmt dir nichts weg.
Lieber, Geist allein ist deine Form,
Nicht verschieden von dir ist diese Welt.
Also woher? wie? und wo? stellst du dir Minderung oder Mehrung vor?
Im alleinen ruhevollen unvergänglichen Atherraume des Geistigen,
Dem fleckenlosen, der du bist,
Woher käme da Geburt?
woher frommer Dienst an ewiger Satzung?
Und woher gar Ichgefühl?
Was du erblickst, darin strahlst du dich alleinsam wider.
Strahlt etwa ein Goldreif an Handgelenk, Arm oder Fuß
Außer in seinem Golde?
»Der hier - bin ich, der da - bin ich nicht«
Gib diese Unterscheidung auf.
»Alles ist selbst« so entscheide
Und erwägensbar zieh dahin in Seligkeit.
Deinem Nichterkennen entstammt das All,
Alleinsam bist du in höchster Wirklichkeit.
Neben dir ist kein anderer, der
Im endlosen Strome der Geburten hinwanderte,
Auch keiner dem endlosen Strome entrückt.
»Schwindel nur ist alles das hier, nichts ist es«
Wer so entscheidet, wird des Hauches früherer Leben bar,
Wie ein Flimmern nur,
Wie ein Nichts erlischt er in Ruhe.
Alleinsam war er im Meer des Werdens,
Alleinsam ist er, wird er sein.
Nicht Bindung gibt es für dich, nicht Lösung.
Was zu tun war, hast du getan,
Zieh dahin in Seligkeit.
Nicht mit Bilden noch Entbilden rühre dein Geistiges auf,
Der du in Geist bestehst. In Ruhe eingegangen
Steh selig still in deinem eigenen Wesen,
Dessen Form selige Freude ist.
Gib innere Schau nur allerwegen auf,
Halte nichts mit Sammlung im Herzen fest,
»Selbst« bist du, ja: erlöst bist du,
Was willst du hin und her befühlend vollbringen.
SECHZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Verkünde oder vernimm, mein Kind,
Viele Lehren viele Male:
Doch findest du nicht Ruhe in dir selbst,
Es sei denn, du vergäßest sie alle.
Schmecken der Dinge oder tätige Vereinfältigung
Magst du tun, du Kluger,
Doch erst wenn er aller Wünsche, aller Hoffnung bar ist,
Wird dein Geist grenzenlos lustvoll erstrahlen.
Vom Sich-Mühen ist jeder voll Leiden,
Und keiner kennt Ihn, - bloß durch diese Lehre reich
Findet er Aufhören der Bewegung des Werdens.
Aber wen als Arbeit schon Auf und Nieder der Augenlider quält,
Dem trägen Lasttier gehört das Glück,
Keinem anderen.
»Dies ist getan, dies nicht«
Wird der Sinn solcher widerstreitender Paare bar,
Dann schenkt er frommer Pflicht und Gewinn,
Erlösung und Sinnenlust keinen Blick mehr.
Wer Verlangens bar ist, wird Sinnendingen feind,
Wer Verlangens voll ist, den lüstet nach Sinnendingen.
Aber wer frei ist von Zugreifen und Loslassen,
Ist nicht Verlangens bar noch Verlangens voll.
Daß etwas aufzugeben oder zu ergreifen sei,
Ist bloß ein Zweig am Aste »endloser Strom der Geburten«.
Solange Verlangen lebt,
Ist Stand des Nicht-Erkennens die Stätte.
Beim Anheben der Werdens-Bewegung entsteht Verlangen,
Beim Aufhören der Werdensbewegung Abneigung.
Widerstreitender Paare bar wie ein Kind
Bleibt der Weise in sich selbst gleich.
Endlosen Strom der Geburten
Begehrt der Verlangensvolle zu lassen,
Weil er Leiden zu lassen wünscht.
Wem Verlangen schwand, der ist Leidens bar
Und wird auch im Strom der Geburten nicht gequält.
Wer Selbstwahn noch in Erlösung hat
Und Meinheit am Leibe, ist nicht Erkennender noch Yogin,
Hat bloß an Leiden teil.
Wäre Schiva dein Lehrer, Vischnu oder selbst der Lotusgeborene(1),
Auch so nicht fändest du Ruhe in dir selbst,
Es sei denn, du vergäßest alles.
(1) Brahma
SIEBZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Frucht der Erkenntnis hat erlangt,
Frucht der Bemühung im Yoga auch,
Wer satt - die Sinne in eigenen Wunsches Gewalt
Immerdar einsam sich in sich selbst erfreut.
Nirgendwann in dieser Welt fürwahr
Wird wer die Wahrheit weiß gequält,
Weil er alleinsam rings das ganze Brahman-Ei erfüllt.
Sinnendinge reizen gewiß nicht ihn,
Der sich selbst Freude ist,
Wie Schößlinge des Nimba den Elefanten nicht reizen,
Der an Sallaki-Schößlingen Gefallen hat.
Bei gekosteten köstlichen Dingen verweilt er nicht,
Bei ungekosteten ist er Verlangens bar,
So einer sei, der schwer zu finden ist.
Wer die Dinge zu kosten sich sehnt,
Ist hier im endlosen Strom der Geburten zu sehen,
Auch wer sich nach Erlösung sehnt.
Wen nicht zu kosten noch auch nach Erlösung verlangt,
Ist selten - der Großgemute.
Bei frommer Pflicht und bei Gewinn,
Bei Sinnenglück und Erlösung,
In Leben und Tod findet wer erhabenen Geistes ist
Nichts aufzugeben noch zu ergreifen.
Nicht Wunsch, das All zerschmölze,
Nicht Gram über seinen festen Bestand,
Leben, wie es sich gibt: davon reich
Weilt er wie es ihm wohl ist.
»Mit solcher Erkenntnis hat einer >sein Sach vollbracht<«
Damit ist auch einer, deß Geist voll Flecken ist, am Ziel,
Sehend, hörend, tastend, riechend, essend
Weilt er wie es ihm wohl ist.
Leer ist das Sehen, ziellos die Gebärde
Und entspannt die Sinne, nicht Verlangen noch Unlust reg sich
Wem der endlose Strom der Geburten versiegt ist.
Nicht wacht er, noch schläft er,
Nicht schlägt er die Lider auf noch nieder,
O fernstes Wesen webt dann und wann
In einem, der erlösten Geistes ist.
Allerwegen sieht man ihn fest in sich stehen,
Allerwegen ist sein inneres Gefäß ohne Flecken,
Von allem Hauche, der aus früheren Leben ihn durchtränkt,
Ist er erlöst, - der Erlöste strahlt allerwegen
Er sieht, hört, tastet, riecht, schmeckt,
Ergreift, spricht und geht: - Regungen, -
Und ist von Regungen erlöst.
Erlöst eben ist der Großgemute.
Nicht schmält noch preist, nicht jubelt noch zürnt,
Nicht gibt noch nimmt der Erlöste,
An allen Dingen ohne Geschmack.
Sieht er eine Frau von Neigung entflammt
Oder den Tod herangetreten,
Unverwirrten Sinnes, fest in sich selbst ruhend
Eben erlöst - bleibt der Großgemute.
Bei Glück und Leid, bei Mann und Frau,
Bei Fülle des Glücks und Fall des Glücks
Ist dem Weisen kein Unterschied,
In allem ist er gleichen Blicks.
Nicht Gewalttat, auch nicht Mitleidigkeit,
Nicht Hoffart noch Kleinmut, nicht Verwundern
Auch nicht Erschüttern finden Raum beim Menschen,
Dem der endlose Strom der Geburten versiegt ist.
Der Erlöste ist den Sinnendingen nicht feind
Noch auch lüstern nach ihnen.
Immerdar bleibt sein Sinn unberührt,
Wenn er Willkommnem und Unwillkommnem begegnet.
Vereinfaltung, Enteinfaltung, zweifelndes Wägen
Von Vorteil und Nachteil kennt nicht
Wer leeren Geistes ist, - er steht wie in abgelöstem Sein.
Wer frei vom »mein«, frei vom »Ich«-Tun
Über sich und Welt »nicht-irgend-etwas« als Urteil erkannte,
Wem alles Wünschen und Hoffen hinfiel,
Auch wenn er handelt, handelt er nicht.
Wer frei von Helle des Sinns und von Betörung ist,
Frei von Dumpfheit des Traums,
Dem schwand - in welches Geschick er immer gelangt
Was den Sinn angeht dahin.
ACHTZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Wem im Aufgang des Erwachens zur Wahrheit
Sein Schwindel wie Traum wird,
Seligkeit allein ist seine Form
Anbetung ihm, befriedetem Strahlenglanze!
Wer alle Güter erwirbt, Freuden in Fülle schmeckt,
Wird nicht glücklich, er gäbe denn alles auf.
Woher käme dem inneren Wesen Glück,
Verzehrt von der Sonne quälender Pflichten,
Es tränke denn Naß des Strahls der Lebensmilch tiefen Friedens.
Das Werden hier wird nur in Einbildung erworden,
Ist nichts im Sinne höchster Wirklichkeit.
Nicht ist Entwerden, wo einer er selbst geworden ist
Und Werden und Entwerden auseinander werden läßt.
Nicht fern, nicht im Zusammenkrümmen
Erlangt sich die Stätte des Selbst:
Zweifelnden Wägens bar, verkrampfter Mühe bar,
Aller Wandlung bar, Schmutzes und Schminke bar.
Zerwirrende Betörung endet nur,
Wenn du deine eigene Form ergreifst.
Kummers ledig strahlen auf die Augen, deren Binde fiel.
»Alles ist nur spielend Gebilde,
Das Selbst ist frei in Ewigkeit«
Wer solches erkennt, - ein Weiser
Müht er sich wie ein töricht Kind?
»Das Selbst ist Brahma«
So über Werden wie Entwerden als über Spiel-gebilde entscheidend,
Was kennt der Wunschlose auseinander,
Was spricht er und was tut er?
»Dies da: mein Ich - ist nicht mein Ich«
So schwinden die Zweifel. »Alles ist mein Selbst«
So entscheidet der Yogin, der verstummt.
Nicht Geistesverstreuung nicht Sammlung,
Nicht Überwachheit nicht Wahnbenommenheit,
Nicht Glück und auch nicht Leid
Kennt der Yogin, der Frieden fand.
In eigener Königsherrlichkeit und auf Bettelwanderschaft,
Bei Gewinn und Verlust, unter Menschen und in der Wildnis
Ist beim Yogin kein Unterschied,
Deß Eigenwesen »Ich« und »Anderes« nicht sondert.
Wo ist rechter Wandel?
Oder auch wo Sinnenfreude? und wo Erwerb?
Wo unterscheidende Einsicht: »dies ist getan, das nicht«
Beim Yogin, der aller Zweiheiten bar ist?
Zu tun ist ihm nichts auferlegt,
Keine Lust rötet des Yogin Herz, der lebend frei ward:
Sein Gebaren hier ist dem Leben nur gleich.
Wo ist Betörtheit? oder wo das All? wo seine innere Schau?
Wo Haltung des Erlösten bei ihm, der großen Wesens
An der Grenze aller Bildungen des Geistes friedvoll rastet?
»Der dieses All sah, ist nicht« - so soll er tun!
An wem kein Hauch von früherem Gebaren haftet,
Was tut es? auch sehend sieht er nicht.
»Der dieses höchste Brahman sah,
Der bin ich: Brahma« - so soll er denken.
Was denkt der Gedankenbare, der nichts Zweites sieht?
Der das Selbst zu Welt und Ich verstreut erschaute
Und der Verstreuung Einhalt tat,
Erhaben-ruhig und unverstreut
Was täte er, dem nichts zu tun vollbringen bleibt?
Der Weise, umgesprungen ins Gegenteil zur Welt,
Wandelt er gleich wie Welt dahin
Sieht nicht Sammlung, nicht Verstreuung,
Nicht Verschminken, Verkleben am eigenen Wesen.
Wer Werdens und Entwerdens ledig, satt,
Von keinem Hauche frühren Seins durchtränkt,
Zur Wahrheit erwacht, - nichts wird von ihm getan,
Nur das Auge der Welt schafft Wandel an ihm.
Im Anheben oder Aufhören fühlt der Weise keinen Krampf.
Wann immer er was zu tun angeht,
Hat er's getan - steht er glücklich still.
Kein Hauch von Früherem tränkt ihn,
Nichts woran er sich hält.
Frei spielt er in sich selbst, der Bande ledig.
Vom Winde innerer Wechselbildungen getrieben
Treibt er dahin wie ein trocken Blatt.
Wer nicht im endlosen Strom der Geburten treibt,
Nirgends findet er Lust, nirgends Kleinmut:
Immer kühlen Sinnes strahlt er wie ein Leibloser.
Nicht ist bei irgend etwas Drang, aufzugeben,
Noch auch Verlust bei irgend etwas
Am Weisen, der selig in sich selbst ruht,
Deß Selbst kühl und durchscheinend klar ist.
In seinem Urstoffe leeren Geistes,
Wenn er handelt, wie es ihn ankommt,
Ist am Weisen, der gleichsam ursprünglich geworden ist,
Nicht Stolz noch Verachtung.
»Von meinem Leibe ward dies Tun getan,
Nicht von mir mit meiner reinen Gestalt «
Wer solchem Denken anhängt
Auch wenn er handelt, handelt er nicht.
Wie einer, der verleugnet was er tut,
Handelt er und ist doch kein Tor.
Lebend erlöst, selig, herrlich strahlt er,
Wenn auch im ziellosen Lebensstrome hingleitend.
Des vielerlei Erwägens müde und ganz entspannt,
In tiefe Ruhe eingegangen
Bildet der Weise nichts in seinem Sinn,
Erkennt nicht, hört nicht, sieht nicht.
Jenseits von Sammlung und Verstreuung des Geistes,
Jenseits von Verlangen nach Erlösung und von seinem Gegenteil,
Gebilde des Geistes mit rechtem Urteil anschauend
Weilt der Großgemute als Brahma.
In wessen Innerem Ichgefühl ist,
Der tut, auch wenn er nichts tut.
Ungetan ist, was immer der Weise tat,
Der bar des Ichgefühls ist.
Nicht beklommen und nicht erfreut,
Untätig, frei von zitterndem Spiel,
Wunsch- und hoffenslos, Zweifels ledig
Strahlt der Geist des Erlösten.
Geist, der nicht anhebt, innere Bilder zu entwickeln
Oder sich zu regen, ist ohne Anlaß.
Was entwickelt er wohl Bilder? was regt er sich? ,
Hört er vom wahren Sein, wie es wirklich damit ist,
Fällt der Schwachkopf in Betörung hin,
Aber auch mancher Unbetörte
Schrumpft vor Angst zusammen wie betört.
Um Sammlung des Geistes in eine Spitze
Oder um Hemmung seiner spielenden Bewegung
Ringen Toren in heißer Mühe.
Weise erblicken nichts, was zu tun wäre,
Wie Schlummernde weilen sie ruhig in eigener Stätte.
Durch Nicht-Bemühen oder Bemühen
Erlangt der Tor nicht Aufhören der Werdensbewegung.
Allein durch Unterscheidung, was wahrhaft ist,
Wird der Weisheitsvolle der Werdensbewegung bar.
Das reine, erwachte, liebe, allganze,
Der Erscheinungswelt entrückte und unverletzbare Selbst
Erkennen die Menschen nicht, die ganz Mühe darum sind.
Nicht erlangt der Betörte Erlösung durch Tun,
das Form des Mühens hat.
Der Glückgesegnete wird durch einfaches Erkennen erlöst
Und steht in Ruhe wandellos.
Der Tor erlangt das Brahman nicht,
Weil er es zu werden wünscht,
Auch ohne zu wünschen teilt der Weise
Die Eigenform des höchsten Brahman.
Ohne Halt in sich selbst, ganz Ergreifen sind die Toren,
Die den endlosen Strom der Geburten nähren.
Wurzel-zerschneiden dieser sinnlosen Wurzel über die Weisen.
Der Tor erlangt den Frieden nicht,
Weil er Frieden zu werden wünscht,
Der Weise, Wahrheit in Erkenntnis sondernd,
Ist immerdar befriedeten Sinnes.
Wo soll das Wesen erschauen, wer am Geschauten hängt?
Die Weisen schauen nicht dies und das
Und schauen das unvergängliche Wesen.
Wo käme der Betörte zum Aufhören,
Der den Vorsatz dazu faßt?
Für den Weisen, der selig in sich selbst ruht,
Ist allerwegen Aufhören ungewollt ohne Tun.
Mancher läßt Werden werden,
Ein anderer läßt nicht irgend etwas werden.
Mancher läßt keines von beiden werden,
So allein ist er reglos: unerfüllt und unbedrängt.
Das reine Wesen, das ohne ein zweites ist,
Lassen die Einsichtsarmen vor sich werden,
Aber in Wahnbefangenheit erkennen sie es nicht
Und kommen ihr Leben lang nicht zum Aufhören.
Geist eines nach Erlösung Verlangenden ohne einen Halt,
daran er hängt, findet sich nicht.
Ohne Halt gerade, ohne Verlangen ist
Der Geist des Erlösten allerwegen.
Die Tiger: die Sinnendinge schlüpfen erschreckt,
Schutz suchend jählings in die Höhle,
Auf, daß Sammlung in die eine Spitze des Aufhörens sich vollende,
Wenn die des Löwen ansichtig werden: deß,
Den kein Hauch von früher her durchtränkt,
Stumm fliehen die Elefanten: die Sinnendinge,
Unmächtig dienen sie ihm mit schmeichelndem Wort.
Er stellt sich nicht darauf ein, auf seine Erlösung hinzuwirken,
Erwartungslos, mit angeschirrtem Sinn,
Sehend, hörend, riechend und essend
Weilt er wie ihm wohl ist.
Reinen Geistes hört er bloß von den Dingen
Und wird von keiner Fülle bedrängt.
Nicht rechtem Wandel, noch schlechtem Wandel
Oder gleichgültigem Beiseitestehen gilt sein Blick.
Wenn er an was herankommt, es zu tun,
Dann tut er es geradeweg, ob es schön ist oder nicht schön,
Denn sein Gebaren ist wie eines Kindes.
Weil er sich selbst gehört, erreicht er Glück,
Weil er sich selbst gehört, erlangt er das Höchste,
Weil er sich selbst gehört, kann er zum Aufhören kommen,
Weil er sich selbst gehört, zur höchsten Stätte.
Wenn er von seinem eigenen Wesen denkt:
Es tut nichts, es schmeckt nichts,
Dann schwinden ihm alle Bewegungen des Geistigen dahin.
Fessellos abgeschnitten strahlt der feste Stand des Weisen,
Nicht aber des Toren gekünstelte Ruhe,
Deß Geist voll Verlangen ist.
In großen Weltfreuden spielen,
In einsame Berghöhlen wandern die Weisen,
Die das Planen von sich warfen,
Die Ungebundenen erlösten Geistes.
Schaut er einen vedakundigen Brahmanen,
Eine Gottheit, einen Wallfahrtsort, eine Frau,
Einen König oder einen Freund,
Ehrt der Weise sie mit seinem Gruße,
Aber kein Hauch davon bleibt in seinem Herzen zurück.
Von Dienern, Söhnen und Frauen,
Von Töchtersöhnen und Blutsverwandten verlacht und verwünscht
Erfährt der Yogin nicht die leiseste Wandlung in sich.
Auch erfreut ist er nicht erfreut,
Und auch gequält ist er nicht gequält,
Um seine wunderbare Haltung in diesem und jenem Geschick
Wissen nur, die seinesgleichen sind.
Daß etwas zu tun sei: das eben ist der endlose Lebensstrom,
Und das sehen die Weisen nicht,
Leerer Form, bar der Form,
Bar des Formwandels, bar der Krankheit.
Auch ohne Tun ist der im Geist Betörte
Allerwegen zweispitzig wegen der Erlösung,
Aber der Heile bleibt, auch wenn er tut, was zu tun ist,
Reglos: unerfüllt und unbedrängt.
Glücklich sitzt, glücklich liegt, glücklich kommt und geht,
Glücklich spricht, glücklich genießt er,
Auch im Treiben der Welt ruhevollen Geistes.
Wer aus seiner eigenen Art zu sein Kummer nicht kennt,
Gebart er sich gleich wie alle Welt,
Unerschütterlich wie ein großer See, fleckender Regungen bar,
Der strahlt in Schönheit.
Auch das Aufhören wird für den Toren ein Anheben,
Auch Anheben trägt für den Weisen Aufhörens Frucht.
Verlangenslosigkeit gegenüber Frauen
Ist vornehmlich an Toren zu sehen.
Wem Wunsch und Hoffen am Leibe hinfiel,
Wo ist Verlangen, wo Verlangenslosigkeit an ihm?
Am Werdenlassen von Welt und Gedanke
Und an ihrem Nicht-Werdenlassen
Haftet des Toren Blick immerdar,
Aber der Blick deß, der ruhevoll in sich selbst weilt,
Weil er werden läßt, was werden soll,
Hat nicht Form des Blicks.
Der Weise, der Verlangens bar in allem, was er angreift,
Hinwandelt wie ein Kind,
An dem Reinen bleibt nichts kleben,
Auch wenn die Tat getan wird.
Der allein ist glückgesegnet, weiß um das Wesen,
Der in allen Werdeformen gleich ist:
Im Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Essen durstlosen Sinnes.
Wo ist der endlose Strom des Lebens? und wo der Schein von Ich und Welt?
Wo zu Vollbringendes? und wo Vollbringens Weg?
Für den Weisen, der wie der unendliche Raum
Immerdar ohne Wandlung ist?
Der siegt: - ein Asket, der wirklich alles ablegt,
Dessen Gestalt ganz vom eigenen Safte erfüllt ist,
Dessen Sammlung ohne Kunst und Wollen währt, ohne abzureißen.
Wozu hier viele Worte: der Großgemute,
Der erkannte, was wahrhaft ist,
Ist des Verlangens nach Weltfreude wie Erlösung bar,
Immerdar und allerwegen ist er ohne Geschmack.
Die Zwiefalt der Welt,
Vom »Großen« - dem Geist - anhebend,
Gähnt nur in Worten zu ihrer Fülle auseinander.
Ist sie verlassen,
Was bleibt dem reinen Erwacher zur Wahrheit zu tun?
»Aus Schwindel geworden ist alles dieses,
Nicht irgend was ist« - wer so urteilt
Kommt als unwahrnehmbares Flimmern, rein,
Ganz durch sein Eigenwesen zur Ruhe.
Weß Form reines Flimmern ist,
Wer nichts erblickt, deß Werden sichtbar wäre,
Wo wäre ein Gebot für ihn und wo verlangenslosigkeit,
Wo Aufgeben oder auch wo zur Ruhe-Kommen?
Wer in unendlicher Gestalt flimmert und den Urstoff nicht schaut,
Wo ist Bindung für ihn oder wo Erlösung?
Wo Freude, wo Kleinmütigkeit?
Geist entfaltet im endlosen Lebensstrome
Ringsum sich nur zu Schein,
Meinlos, ohne Ich-tun, wunschlos
Strahlt der Weise in Schönheit.
Für den Heiligen,
Der sein unvergängliches,
von Leidensglut bares Wesen erschaut,
Wo ist Wissen oder wo auch das All für ihn,
Wo Leib, »ich« oder »mein«?
Wenn einer mit dumpfem Sinn
Hemmung des Denkens durch Yoga und andere solche Werke aufgibt,
Kommt er zu Wünschen und Geschwätzen unlang danach.
Einer mit langsamem Geiste
Löst sich nicht von seiner Betörung,
Auch wenn er dieses Ding vernimmt.
Außerlich ist er - mühsam verkrampft -von Schwanken frei,
Innerlich lechzt er nach Sinnenfreuden.
Wem dank Erkenntnis Tun dahinfiel,
Findet, auch wenn er vor dem Auge der Welt Taten tut,
Keine Gelegenheit, zu tun, nicht einmal etwas zu reden.
Wo ist Dunkel, wo Helle des Geistes? wo Aufgeben
Und wo Nicht -irgend -was für den wandellosen Weisen,
Der immerdar von Fieber frei ist?
Wo ist Weisheit? wo sondernde Einsicht
Oder wo auch Freisein von Fieber
Beim Yogin, dessen Eigenwesen unaussagbar ist,
Der ohne Eigenwesen ist?
Nicht Himmel und nicht Hölle,
Noch auch Erlösung bei währendem Leben,
Wozu viele Worte? - für den Blick des Yogin
Gibt es nicht irgend was.
Nicht strebt er nach Gewinn, nicht trauert er in Ungewinn,
Kühl ist des Weisen Geist,
Wie mit dem Göttertrank »Todlos« gefüllt.
Der Wunschlose preist nicht einen, der Ruhe fand,
Auch schmäht er den Bösen nicht.
Gleich in Wohl und Weh,
Satt sieht er nicht irgendwas, das zu tun bliebe.
Der Weise ist dem endlosen Lebensstrome nicht gram,
Er sehnt sich nicht, das Wesen zu schauen.
Von Freude und Ungeduld erlöst
Ist er nicht tot und lebt auch nicht.
Er klebt nicht an Sohn und Frau und anderen Wesen,
Bei Sinnendingen der Wünsche bar,
Sorglos auch um den eigenen Leib,
Hoffens und Wünschens ledig strahlt der Weise in Schönheit
Zufrieden allerwegen ist der Weise:
Er geht dahin, wie es trifft, er wandelt, wie es ihn ankommt
Er legt sich schlafen, wo die Sonne sinkt.
Mag sein Leib hinfallen oder aufsteigen,
Großen Wesens kennt er keine Sorge darum.
Er vergaß ja völlig den Fluß immer neuen Lebens und Sterbens
In Ruhe auf der Ebene seines Eigenwesens.
Nicht irgend was ist er,
Bewegt sich, wie Gefallen ihn ankommt,
Aller widerstreitender Paare bar hat er allen Zweifel zerspalten.
An allen Formen des Werdens hängt er nicht,
Entrückt spielt der Weise selig in sich selbst.
»Mein« -los strahlt der Weise,
Lehm, Stein und Gold sind für ihn gleich,
Wohl zerhauen ist seines Herzens Knoten.
Wirbelstaub der Leidenschaft und Dunkel der Dumpfheit
Hat er rings von sich abgeschüttelt.
Ihm, der allen Dingen keine Beachtung schenkt,
Dem kein Hauch von Früherem im Herzen lebt,
Deß Selbst erlöst ist, der völlig satt ward,
Wer könnte ihm Waage halten?
Auch erkennend erkennt nicht,
Auch sehend sieht nicht und auch sprechend spricht nicht
Wer anders, als wer aller Hauche frührer Leben bar ist?
Ob Bettelmönch oder König,
Wer wunschlos ist, der strahlt in Schönheit,
Wem erfreuliche und unerfreuliche Meinung von allen Werdedingen dahinfiel.
Wo ist Spielraum der Laune, wo Druck und Zwang
Und wo sondernde Erkenntnis der Wahrheit
Beim Yogin, der unverstellte Geradheit ward
Und ans Ziel gelangt ist?
Wer satt geworden ist durch Ruhe im eigenen Wesen,
Von Wunsch und Hoffnung bar, Leidens ledig,
Was er im Innern erfährt, wie sollte er's und wem erzählen?
Auch schlummernd umfängt ihn nicht traumloser Schlaf,
Auch im Traume liegt er nicht schlafend,
Auch im Wachen wacht nicht der Weise,
Satt Schritt auf Schritt.
Der Wissende ist auch in Gedanken gedankenleer,
Mit Sinnen der Sinne bar, auch voll Vernunft bar der Vernunft,
Im »Ich«-tun des »Ich«-machens bar.
Nicht Glückes voll, noch auch leidvoll,
Nicht verlangenslos, noch haftend an etwas,
Nicht erlösungssüchtig, noch auch erlöst,
Nicht irgend was noch irgendein Ding.
In Verstreuung des Geistes zur Vielheit von Welt und Ich ist er unverstreut,
In innerer Sammlung des Geistes ist er ohne Sammlung.
Auch in Dumpfheit ist nicht dumpf der Glückgesegnete,
Auch in Gewecktheit nicht geweckt.
Der Erlöste steht fest in sich selbst, wie er auch stehe,
Mit Getanem und was zu tun bliebe ist er am Ende.
Allem gegenüber gleich, weil er vom Durste frei ist,
Denkt er nicht an Ungetanes und Getanes.
Er freut sich nicht, wird er gepriesen,
Wird er geschmäht, zürnt er nicht.
Er zittert nicht im Tode,
Er grüßt nicht mit Freuden das Leben.
Weß Geist zur Ruhe kam,
Der läuft nicht ins Menschengewühl, nicht in Waldeinsarnkeit
Wie immer und wo immer er weilt,
Steht er sich gleich in sich selbst fest.
NEUNZEHNTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Der Wahrheitserkenntnis Beißzange
Holte ich aus meines Herzens Bauch hervor
Und zog mit ihr die Pfeile vielfältig gearteten quälenden ,Grübelns aus:
Wo ist fromme Pflicht? oder auch: wo Sinnenglück?
Wo Gewinn? wo scheidende Einsichtigkeit?
Wo Zweiheit? und wo Zweitlosigkeit?
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
Wo ist Gewordenes? oder wo was künftig wird?
Oder auch: was sich jetzt bewegt?
Wo Ort? oder wo Beständiges?
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
Wo ist Selbst? und auch: wo ist Nicht-selbst?
Wo Heil? so auch: wo Unheil?
Wo Denken? und wo Nichtdenken?
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
Wo Traum? oder wo traumloser Schlaf?
Und auch: wo Wachsein?
Wo jenes Vierte, brahmanhafte Sein, traumlosem Schlaf verwandt? oder auch: wo
ist Furcht?
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
Wo ist Ferne? oder wo Nähe?
Wo Außeres oder wo auch Inneres?
Wo stofflich Grobes, äußeren Sinnen faßbar?
Wo Feines, innerer Schau allein gegeben?
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
Wo ist Tod? oder wo Leben?
Wo höhere Welten? wo Weltlichkeit dieser Welt?
Wo Verschmelzen? oder wo Sammlung in eins?
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
Genug der Rede vom Dreigespann
Sinnenlust, Erwerb und fromme Pflicht
Genug auch der Rede vom Yoga,
Genug der Rede von Erkenntnis,
Wenn ich in meiner eigenen Größe wurzele.
ZWANZIGSTER GESANG
ASHTAVAKRA SPRACH
Wo sind Werdewesen? oder wo der Leib?
Wo Kräfte der Sinne? oder wo der denkende Sinn?
Wo ist das Leere? und wo Wunsch- und Hoffenslosigkeit?
Da meine Eigenform von Fleck und Schminke bar ist.
Wo ist gültige Lehre? Wo Erkennen des Selbst?
Oder wo der Sinn von Dingen bar?
Wo Sättigung? wo Freisein von Durst?
Da alle Paare, die sich widerstreiten,
Auf immer mir geschwunden sind.
Wo ist Wissen? und wo Nicht-Wissen?
Wo das »Ich«? und wo das »Andere«? oder wo das »mein«?
Wo ist Bindung? Oder auch: wo ist Lösung?
Wo Form-sein meiner Eigenform?
Wo sind Taten früherer Leben,
Die als Schicksalssaat aufgehen?
Oder auch: wo Lebend-Erlöstsein?
Wo jenes körperlose völlige Entrücktsein?
Da ich immerdar bar aller Unterschiede bin.
Wo ist der Tuende? oder auch: wo ist der Schmeckende?
Oder wo ist tatlos flimmerndes Spiel?
Wo ist augenfälliges Schicksal? wo Fruchtvergangener Tat?
Da ich immerdar ohne Eigen-Wesen bin.
Wo ist die Welt? wo ein Erlösung Verlangender?
Wo ein Yogin? oder wo ein Wissender?
Wo einer in Banden? oder auch: wo ein Erlöster?
Da ich in meiner Eigenform ohne ein Zweites ruhe.
Wo ist Entfaltung der Welt? und wo ihr Zusammenraffen?
Wo ist ein Ziel für Vollbringen? und wo Vollbringens Weg;
Wo ein Vollbringender? oder wo »es ist vollbracht«?
Da ich in meiner Eigenform ohne ein Zweites ruhe.
Wo ist ein Ermessender? oder wo ein Maß?
Wo Ermeßbares? und wo Ermessen?
Wo ein Etwas? oder wo ein Nichts?
Da ich immerdar fleckenlos rein hin.
Wo ist Verstreuung zur Vielheit? und wo Sammlung in eins Spitze?
Wo ist Erwachen aus Dunkel? wo Törigkeit?
Wo Freude? oder wo Kleinmut?
Da ich immerdar ohne Tun bin.
Wo ist Maya? und wo der endlose Strom der Geburten?
Wo Neigung oder wo Gleichgültigkeit?
Wo ist der Lebensfunke, der alles Einzelwesen belebt?
Und wo jenes alldurchdringende Brahman?
Da ich immerdar ohne Flecken bin.
Wo ist Anheben des Weltspiels? oder wo sein Aufheben?
Wo ist Erlösung? und wo Bindung?
Da ich auf höchstem Gipfel immerdar teil- und unterschieds los
In meinem eigenen Wesen stehe.
Wo ist Belehrung? oder wo gültige Lehre?
Wo ein Schüler? oder auch: wo ein Lehrer?
Oder wo höchste Ziele des Menschen?
Und wo ist »ist«? oder auch: wo »ist nicht«?
Und wo ist »eines«? und wo ist »zwei«?
Genug der Rede:
Nichts hebt sich mir entgegen.
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